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3D gedruckter Reißverschluss nach 40 Jahre altem Konzept, 3D-Druck in der Forschung

  • Autorenbild: Sascha Surbanoski
    Sascha Surbanoski
  • vor 1 Tag
  • 4 Min. Lesezeit
3D-gedruckter Reißverschluss nach historischem Konzept, MIT CSAIL Forschungsprojekt, additiv gefertigtes Verbindungselement
Quelle: MIT CSAIL / Voxel Matters

Das MIT Computer Science and Artificial Intelligence Laboratory (CSAIL) hat ein Reißverschluss-Konzept aus den frühen 1980er Jahren mithilfe von 3D-Druck erstmals als funktionsfähiges Bauteil realisiert. Die Idee existierte jahrzehntelang nur auf dem Papier, weil die damalige Fertigungstechnik zu unflexibel war, um die komplexe Geometrie herzustellen. Erst die additive Fertigung machte es möglich, das Konzept aus der Schublade zu holen und in die Praxis zu überführen.




Inhaltsverzeichnis




Das Bauteil und der Anwendungsfall

Beim gedruckten Objekt handelt es sich um einen neuartigen Reißverschluss, dessen Grundprinzip bereits in den 1980er Jahren patentiert wurde, aber nie in Serie ging. Das Besondere an diesem Konzept: Die Zähne des Verschlusses greifen nicht wie beim klassischen Reißverschluss seitlich ineinander, sondern über eine dreidimensionale, ineinandergreifende Geometrie, die deutlich mehr Haltekraft und Flexibilität in mehrere Richtungen bieten soll. Solche Strukturen lassen sich konventionell kaum fräsen oder spritzgießen, weil die Hinterschneidungen (Geometriebereiche, die ein Werkzeug nicht direkt erreichen kann) zu komplex sind.

Das MIT-Team hat das Konzept als vollständig gedrucktes, einteiliges oder mehrteiliges Verbindungselement umgesetzt. Anwendungsfelder reichen von Textilien über Medizintechnik bis hin zu Soft-Robotik-Systemen, bei denen flexible, aber belastbare Verbindungen gefragt sind. Ähnliche Ansätze, bei denen 3D-Druck komplexe Verbindungselemente ermöglicht, beschreibt auch der Artikel zu carbonfaserverstärkten Hochleistungsmaterialien im FFF-3D-Druck, wo Materialsteifigkeit und Geometriefreiheit ebenfalls zusammenspielen.




Warum hat das Team auf 3D-Druck gesetzt?

Das ursprüngliche Patent aus den 1980er Jahren scheiterte nicht an der Idee, sondern an der Umsetzbarkeit. Spritzguss erfordert entformbare Geometrien, also Formen, die sich nach dem Erstarren des Materials aus dem Werkzeug lösen lassen. Die dreidimensionalen Verzahnungen des neuen Reißverschlusses erfüllen diese Bedingung nicht. Fräsen scheidet aus denselben Gründen aus: Hinterschneidungen sind mit rotierenden Werkzeugen nicht erreichbar.

3D-Druck kennt diese Einschränkung nicht oder zumindest nicht in derselben Form. Schicht für Schicht aufgebaute Bauteile können nahezu beliebige Innengeometrien aufweisen, sofern das Material und das Verfahren es erlauben.




Verfahren und Material im Detail

Die Quelle nennt kein spezifisches 3D-Druck-Verfahren beim Namen. Aus dem Kontext und der Art der Bauteile lässt sich jedoch ableiten, dass wahrscheinlich ein Mehrkomponenten-Druckverfahren oder ein flexibles Filamentmaterial zum Einsatz kam, da der Reißverschluss sowohl Steifigkeit in den Zähnen als auch Flexibilität im Trägerband erfordert. Verfahren wie PolyJet (bei dem mehrere Materialien gleichzeitig gedruckt werden können) oder FDM (Fused Deposition Modeling, also schichtweiser Aufbau aus Kunststofffaden) mit flexiblen Filamenten wie TPU kommen grundsätzlich infrage.

Beim Resin-Druck (SLA/DLP) wären die feinen Zahn-Geometrien mit hoher Auflösung ebenfalls realisierbar, allerdings sind Resin-Teile oft spröder, was für einen Verschluss unter mechanischer Last nachteilig wäre. Ohne gesicherte Quellenangabe zum Verfahren bleibt die Materialfrage offen, was bei einem frühen Forschungsprototypen nicht ungewöhnlich ist.




Was wurde konkret verbessert?

Das Kernresultat ist zunächst ein Machbarkeitsnachweis (Proof of Concept): Das Konzept funktioniert. Der gedruckte Reißverschluss lässt sich öffnen und schließen, hält mechanischen Belastungen stand und zeigt die vom ursprünglichen Patent versprochenen Eigenschaften, nämlich erhöhte Haltekraft und Beweglichkeit in mehrere Richtungen. Konkrete Messwerte zu Zugfestigkeit oder Zyklenbeständigkeit nennt die verfügbare Quelle nicht.

Was das Projekt dennoch bedeutsam macht: Es demonstriert, dass ein 40 Jahre altes Konzept durch den Einsatz moderner Fertigungstechnik plötzlich wirtschaftlich und technisch realisierbar wird. Für die Forschung ist das ein Argument dafür, historische Patente und Ideen systematisch auf ihre Umsetzbarkeit mit heutigen Mitteln zu prüfen. Die Herausforderung bleibt die Skalierung: Was im Labor als Einzelstück funktioniert, muss für industrielle Stückzahlen noch weiterentwickelt werden.




Übertragbarkeit für den Mittelstand

Für Unternehmen im Mittelstand ist dieser Fall in zweierlei Hinsicht relevant. Erstens zeigt er, dass 3D-Druck nicht nur für Ersatzteile oder Vorrichtungen taugt, sondern auch für funktionale Verbindungselemente mit komplexer Geometrie, die konventionell nicht herstellbar wären. Wer in der eigenen Produktentwicklung auf Verbindungstechnik angewiesen ist, sollte prüfen, ob gedruckte Alternativen zu Schrauben, Clips oder Scharnieren Vorteile bieten.

Zweitens ist der Ansatz, alte Patente oder verworfene Konstruktionsideen mit 3D-Druck neu zu bewerten, ein unterschätztes Innovationspotenzial. Viele Unternehmen haben in ihren Archiven Konzepte, die an der Fertigbarkeit gescheitert sind. Wer Prototypen schnell und kostengünstig testen möchte, kann mit einem 3D-Druck-Dienstleister innerhalb weniger Tage herausfinden, ob eine solche Idee heute funktioniert. Die Einstiegshürde ist deutlich niedriger als bei klassischen Werkzeugkosten für Spritzguss oder Fräsen.




Persönliches Fazit

Was mich an diesem Projekt besonders anspricht, ist nicht der Reißverschluss selbst, sondern die Idee dahinter: 3D-Druck als Schlüssel für Konzepte, die ihrer Zeit voraus waren. In meiner täglichen Arbeit erlebe ich regelmäßig, dass Kunden Bauteile anfragen, die früher als "nicht herstellbar" abgehakt wurden. Oft stellt sich heraus, dass genau diese Teile mit additiver Fertigung kein Problem mehr sind.

Gleichzeitig sollte man nüchtern bleiben: Ein Forschungsprototyp ist kein Serienprodukt. Die Fragen nach Materialermüdung, Reproduzierbarkeit und Kosten bei größeren Stückzahlen sind noch offen. Für die Industrie wird dieser Reißverschluss erst dann interessant, wenn belastbare Daten zu Lebensdauer und Fertigungskosten vorliegen.

Was bleibt, ist ein starkes Signal: Wer heute noch Konstruktionsideen in der Schublade hat, die an der Fertigbarkeit gescheitert sind, sollte sie hervorholen und mit einem 3D-Druck-Dienstleister neu bewerten. Die Technik hat sich in den letzten Jahren so weit entwickelt, dass viele dieser Ideen plötzlich realisierbar sind. Das MIT macht es vor, und der Mittelstand kann davon lernen.

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