top of page

Ravelin und AddUp: Partnerschaft für Metall 3D Druck in der Rüstungsindustrie

  • Autorenbild: Sascha Surbanoski
    Sascha Surbanoski
  • 29. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Die Verteidigungsindustrie setzt zunehmend auf industrielle Additiv-Fertigung, und eine neue Kooperation unterstreicht diesen Trend: AddUp, eine Tochtergesellschaft der Fives Group, und Ravelin Inc., ein veteranengeführter Rüstungshersteller aus Cincinnati, haben eine strategische Partnerschaft bekanntgegeben. Ziel ist es, die Metall-3D-Drucktechnologie aus dem Prototypenstadium in eine zuverlässige Serienproduktion für missionskritische Hardwarekomponenten zu überführen. Als technologische Basis wurde das FormUp 350 Laser-Pulverbettfusions-System (LPBF, ein Verfahren, bei dem ein Laser metallisches Pulver schichtweise aufschmilzt und so dreidimensionale Bauteile erzeugt) ausgewählt. Die Anlage soll in der Nähe des AddUp Solution Centers in Cincinnati, Ohio, installiert werden.




Inhaltsverzeichnis




Hintergrund: Wer sind Ravelin und AddUp?

Ravelin Inc. wurde aus der Irregular Design Group heraus gegründet und hat sich auf fortschrittliche Waffenschalldämpfer sowie missionskritische Hardware spezialisiert. Das Unternehmen wird von einem Team aus Militärveteranen und Industriestrategen geführt und verbindet Gefechtserfahrung mit industrieller Fertigungskompetenz. AddUp wiederum ist ein auf Metall-Additiv-Fertigung spezialisierter Maschinenbauer, der sowohl LPBF- als auch DED-Systeme (Directed Energy Deposition, ein weiteres Metall-3D-Druckverfahren) im Portfolio führt und als Tochter der Fives Group über starke Industriewurzeln verfügt. Die Kombination beider Unternehmen zielt auf einen Markt, der höchste Prozesssicherheit und Reproduzierbarkeit verlangt.

Laut der offiziellen Pressemeldung von AddUp steht bei dieser Kooperation nicht das Prototyping, sondern die Serienreife im Vordergrund. Das ist eine wichtige Unterscheidung: Viele Partnerschaften im Additiv-Bereich enden bei Machbarkeitsstudien, während Ravelin und AddUp explizit auf Produktionsvolumen und Lieferkettensicherheit abzielen.




Das FormUp 350 im Einsatz für Verteidigungsanwendungen

Das FormUp 350 ist AddUps LPBF-Flaggschiff für industrielle Anwendungen. Es bietet einen Bauraum von 350 x 350 x 350 mm und ist für den Einsatz mit anspruchsvollen Hochleistungslegierungen ausgelegt. Ravelin hat das System gezielt wegen seiner Reproduzierbarkeit und des industriellen Durchsatzes ausgewählt, wie CTO Tim Bell in der Pressemitteilung betont: „Wir haben AddUp ausgewählt, weil sie die industrielle Strenge und Konsistenz mitbringen, die wir benötigen." Das System soll nicht nur einzelne Teile liefern, sondern eine skalierbare Produktionskette für sicherheitskritische Komponenten aufbauen.

Besonders relevant ist dabei das Konzept der Prozessüberwachung: Für Verteidigungsanwendungen sind lückenlose Qualitätsnachweise und enge Toleranzen keine Option, sondern Pflicht. AddUps Ansatz, Prozesskontrolle und Maschinensteuerung eng zu verzahnen, kommt diesem Anforderungsprofil entgegen.




Inconel 718: Werkstoff für extreme Bedingungen

Das FormUp 350 wird bei Ravelin primär für die Verarbeitung von Inconel 718 eingesetzt. Inconel 718 ist eine nickelbasierte Superlegierung, die bei hohen Temperaturen, starkem Druck und korrosiven Umgebungen ihre mechanischen Eigenschaften behält. Sie wird typischerweise in Turbinen, Raketentriebwerken und eben auch in militärischen Hochleistungskomponenten eingesetzt. Die additive Verarbeitung von Inconel 718 ist technisch anspruchsvoll, da das Material zu Eigenspannungen und Rissbildung neigen kann. Dass Ravelin genau diesen Werkstoff für seine Serienproduktion wählt, zeigt den Anspruch an die Systemreife des FormUp 350.

In der Praxis bedeutet das: Jede Charge muss reproduzierbar innerhalb enger Parameterfenster gefertigt werden. Abweichungen, die im Consumer-Bereich tolerierbar wären, sind hier schlicht nicht akzeptabel. Die Wahl des Werkstoffs ist damit auch ein Qualitätssignal an potenzielle Auftraggeber aus dem Verteidigungssektor.




Standort und technische Zusammenarbeit

Die Installation des FormUp 350 erfolgt in unmittelbarer Nähe zum AddUp North American Solution Center in Cincinnati, Ohio. Diese räumliche Nähe ist strategisch gewählt: Sie ermöglicht kurze Reaktionszeiten bei technischen Fragen, gemeinsame Prozessentwicklung und schnelle Anpassungen, wenn sich Produktionsanforderungen ändern. Nick Estock, CEO von AddUp Inc., beschreibt das Solution Center als Ort, der genau für solche Skalierungspartnerschaften konzipiert wurde. In der Praxis heißt das: Ravelin muss nicht allein durch die Lernkurve der industriellen LPBF-Fertigung, sondern kann auf das Prozess-Know-how von AddUp zurückgreifen.

Für den Mittelstand und industrielle Anwender ist dieses Modell interessant: Ein Maschinenhersteller, der nicht nur Hardware liefert, sondern aktiv beim Hochlauf der Produktion begleitet, reduziert das Risiko für den Käufer erheblich. Ob dieses Modell auch für europäische Kunden in ähnlicher Form verfügbar ist, geht aus der Pressemeldung nicht hervor.




Preis und Verfügbarkeit

Ein konkreter Kaufpreis für das FormUp 350 wird in der Pressemeldung nicht genannt. Industrielle LPBF-Systeme dieser Klasse bewegen sich typischerweise im sechsstelligen Euro-Bereich; genaue Konditionen werden üblicherweise projektbezogen verhandelt. Interessenten können sich direkt an AddUp wenden, um ein Angebot für ihr spezifisches Anwendungsszenario zu erhalten. Ein offizieller Listenpreis ist öffentlich nicht bestätigt.




Alternativen und vergleichbare Produkte

Wer industrielle LPBF-Systeme für anspruchsvolle Metallwerkstoffe wie Inconel 718 evaluiert, findet auf dem Markt einige etablierte Anbieter, die in einer ähnlichen Leistungsklasse spielen:


  • NXG XII 600 von Nikon SLM Solutions: Hochdurchsatz-LPBF-System mit bis zu zwölf Lasern und großem Bauraum. Besonders geeignet für Serienproduktion in der Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung. Preislich im oberen Industriesegment angesiedelt; Stärke liegt in der Skalierbarkeit und Prozessreife für Superlegierungen.

  • Concept Laser M LINE Factory von GE Additive (Colibrium Additive): Modulares LPBF-System, das auf automatisierte Serienfertigung ausgelegt ist. Bietet umfangreiche Qualitätssicherungs- und Monitoring-Funktionen, die für missionskritische Anwendungen relevant sind. Starke Integration in bestehende Industrieinfrastrukturen.

  • TruPrint 5000 von Trumpf: Fünf-Laser-LPBF-System mit vorgeheizter Bauplattform (bis 500 °C), was die Verarbeitung von Superlegierungen wie Inconel 718 erheblich erleichtert. Trumpf gilt als einer der erfahrensten Anbieter im Bereich industrieller Metalldrucksysteme und bietet ein breites Servicenetz in Europa und Nordamerika.




Aktueller Status und Markterwartung

Die Partnerschaft wurde am 28. Januar 2026 offiziell bekanntgegeben. Die Installation des FormUp 350 bei Ravelin steht unmittelbar bevor; konkrete Produktionsziele oder Stückzahlen wurden in der Pressemeldung nicht kommuniziert. Der Verteidigungsmarkt in den USA zeigt seit einigen Jahren ein wachsendes Interesse an additiv gefertigten Metallkomponenten, insbesondere für Teile, die in kleinen Stückzahlen mit hoher Komplexität benötigt werden. Schalldämpfer und verwandte Komponenten sind dabei ein Segment, das von der geometrischen Freiheit des 3D-Drucks besonders profitiert.

Für den breiteren Markt ist die Kooperation ein weiteres Signal, dass LPBF-Systeme die Schwelle vom Prototyping-Werkzeug zur Serienfertigungsmaschine zunehmend überschreiten. Ob Ravelin mittelfristig weitere Systeme beschaffen wird, bleibt offen, ist aber angesichts der formulierten Wachstumsambitionen nicht unwahrscheinlich..




Persönliches Fazit

Aus meiner Sicht ist diese Partnerschaft ein gutes Beispiel dafür, wie industrielle Additiv-Fertigung tatsächlich in die Serienproduktion überführt wird: nicht durch große Ankündigungen, sondern durch die Kombination aus geeigneter Maschine, passendem Werkstoff und enger technischer Begleitung vor Ort. Das Modell, den Drucker in der Nähe des Hersteller-Solution-Centers zu betreiben, ist pragmatisch und reduziert Anlaufrisiken erheblich. In der Praxis sehe ich bei Kunden aus dem Verteidigungsumfeld genau diese Anforderungen: Reproduzierbarkeit und Dokumentierbarkeit sind wichtiger als Druckgeschwindigkeit. Inconel 718 per LPBF zu verarbeiten ist kein Selbstläufer; die Wahl dieses Werkstoffs als erstes Produktionsmaterial zeigt, dass Ravelin nicht mit einfachen Teilen beginnt. Ob AddUp die Erwartungen an Null-Fehler-Toleranz langfristig erfüllen kann, wird die Praxis zeigen. Die Partnerschaft ist jedenfalls ein nachvollziehbarer Schritt für beide Seiten und kein reines Marketing-Manöver.

bottom of page