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3D-gedruckte Medikamente in der Apotheke, 3D-Druck in der Pharmazie

  • Autorenbild: Sascha Surbanoski
    Sascha Surbanoski
  • vor 5 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit
3D-gedruckte Medikamentendosierformen in einer schwedischen Apotheke, pharmazeutische Rezeptur per Additive Manufacturing
Quelle: Voxel Matters / AtrimusRx

AtrimusRx hat als erste Gemeinschaftsapotheke in Schweden eine offizielle Validierung für die Herstellung 3D-gedruckter Arzneimittel erhalten. Damit betritt ein reguliertes Apothekenumfeld Neuland: Nicht ein Forschungslabor oder ein Pharmahersteller, sondern eine öffentlich zugängliche Apotheke darf nun patientenindividuelle Medikamente per 3D-Druck herstellen und abgeben. Das ist ein Einschnitt für die pharmazeutische Rezeptur (die individuelle Herstellung von Arzneimitteln auf Rezept) in Europa.




Inhaltsverzeichnis




Das Bauteil und der Anwendungsfall

Im Fall von AtrimusRx sind die „Bauteile" keine mechanischen Komponenten, sondern orale Darreichungsformen: Tabletten oder Kapseln mit individuell eingestellter Wirkstoffdosis. Die Apotheke stellt diese Formen auf Basis ärztlicher Verschreibungen her, bei denen Standarddosierungen nicht passen, etwa für Kinder, ältere Patienten mit Schluckbeschwerden oder Menschen mit seltenen Erkrankungen, die keine Fertigarzneimittel in passender Stärke erhalten.

Der Kern des Anwendungsfalls ist die sogenannte Compounding-Apotheke: Sie fertigt Arzneimittel nicht in Massenproduktion, sondern in kleinen Chargen oder als Einzelstück. 3D-Druck ermöglicht dabei eine Präzision bei der Dosierung und Formgebung, die mit klassischen Mörser-und-Stempel-Methoden kaum erreichbar ist. Jede Einheit kann in Wirkstoffgehalt, Freisetzungsprofil und Form exakt auf den Patienten abgestimmt werden.




Warum hat das Unternehmen auf 3D-Druck gesetzt?

Die klassische pharmazeutische Rezeptur stößt bei individuellen Dosierungen schnell an Grenzen. Wer eine Tablette mit 3,7 mg eines Wirkstoffs benötigt, bekommt sie im Standardsortiment nicht. Apotheken helfen sich bisher mit dem Aufteilen von Tabletten, dem Anrühren von Suspensionen oder dem manuellen Befüllen von Kapseln, alles fehleranfällige und zeitaufwendige Prozesse.

3D-Druck bietet hier einen strukturellen Vorteil: Die Dosierung wird digital definiert und reproduzierbar ausgeführt. Fehler durch manuelle Abwägung entfallen, die Chargenrückverfolgung ist lückenlos digital. Die Apotheke wollte die Qualität und Sicherheit der Rezeptur auf ein Niveau heben, das mit manuellen Verfahren nicht erreichbar ist, und gleichzeitig den regulatorischen Anforderungen der schwedischen Arzneimittelbehörde genügen.

Alternativen wie der Zukauf individuell dosierter Arzneimittel von spezialisierten Herstellern sind in Schweden begrenzt verfügbar und mit langen Lieferzeiten verbunden. Das Fräsen oder Gießen von Darreichungsformen scheidet für pharmazeutische Anwendungen aus regulatorischen und hygienischen Gründen aus.




Verfahren und Material im Detail

Für die Herstellung pharmazeutischer Darreichungsformen per 3D-Druck kommen in der Praxis vor allem zwei Verfahren infrage: FDM (Fused Deposition Modeling, ein schmelzbasiertes Schichtdruckverfahren) mit pharmazeutisch zugelassenen Polymeren sowie Binder Jetting oder Extrusion mit wirkstoffhaltigen Pasten. Welches Verfahren AtrimusRx konkret einsetzt, ist aus der verfügbaren Quellenlage nicht eindeutig belegt. Die Apotheke arbeitet nach eigenen Angaben mit einem validierten System, das die Anforderungen der schwedischen Arzneimittelbehörde Läkemedelsverket erfüllt.

Typischerweise werden bei der pharmazeutischen Rezeptur per 3D-Druck Materialien wie Hydroxypropylmethylcellulose (HPMC) oder Polyvinylalkohol (PVA) als Trägermatrix eingesetzt. Diese Polymere sind in der Pharmakopöe (dem offiziellen Arzneibuch) gelistet und für orale Anwendungen zugelassen. Der Wirkstoff wird in die Matrix eingearbeitet, das Freisetzungsprofil lässt sich über die Geometrie der gedruckten Struktur steuern. Eine poröse Innenstruktur setzt den Wirkstoff schneller frei als eine dichte, was bei manchen Therapien klinisch relevant ist.

Die Validierung, also der formale Nachweis, dass ein Prozess reproduzierbar und sicher das gewünschte Ergebnis liefert, ist in der Pharmazie besonders aufwendig. AtrimusRx hat diesen Schritt als erste Gemeinschaftsapotheke Schwedens abgeschlossen, was den regulatorischen Reifegrad des Verfahrens unterstreicht.




Was wurde konkret verbessert?

Der unmittelbare Nutzen liegt in der Versorgungssicherheit für Patienten mit Sonderdosierungsbedarf. Statt wochenlanger Wartezeiten auf Sonderanfertigungen von spezialisierten Herstellern kann die Apotheke die Rezeptur selbst und zeitnah durchführen. Das ist besonders für pädiatrische Patienten relevant, bei denen Dosierungsgenauigkeit direkt die Therapiesicherheit beeinflusst.

Auf der Qualitätsseite entfällt die manuelle Fehlerquelle beim Abwiegen und Befüllen. Die digitale Prozesskette ermöglicht eine lückenlose Dokumentation jeder hergestellten Einheit, was für Apotheken mit regulatorischer Nachweispflicht erheblich ist. Konkrete Zahlen zu Kosteneinsparungen oder Durchlaufzeiten hat AtrimusRx bisher nicht veröffentlicht.

Eine Herausforderung bleibt die Skalierung: Das Verfahren ist für kleine Chargen und Einzelstücke optimiert, nicht für die Massenproduktion. Auch die Investition in validierte Hardware und die Qualifizierung des Apothekenpersonals ist nicht trivial. Die Validierung selbst ist ein zeitintensiver Prozess, der regulatorisches Know-how erfordert, das in Standardapotheken selten vorhanden ist.




Übertragbarkeit für den Mittelstand

Der Fall AtrimusRx ist für mittelständische Unternehmen außerhalb der Pharmazie auf den ersten Blick weit entfernt. Doch das Grundprinzip ist übertragbar: Immer dann, wenn Standardprodukte nicht passen und individuelle Anpassungen bisher manuell und fehleranfällig gelöst wurden, kann 3D-Druck eine reproduzierbare, dokumentierbare Alternative sein. Das gilt für Medizintechnik, für Dentalprodukte, aber auch für technische Vorrichtungen in der Fertigung.

Wer als Mittelständler einen ähnlichen Schritt gehen will, braucht vor allem drei Dinge: ein validiertes oder zumindest qualifiziertes Drucksystem, Material- und Prozesskenntnisse für die jeweilige Anwendung sowie, je nach Branche, die Bereitschaft zur regulatorischen Auseinandersetzung. Im nicht-regulierten Bereich, etwa bei Betriebsmitteln oder Prototypen, ist der Einstieg deutlich niedrigschwelliger. Für Prototypen und Kleinserien lässt sich der Ansatz ohne aufwendige Validierung erproben.

Für Unternehmen, die den Einstieg in die additive Fertigung suchen, lohnt es sich, zunächst einen konkreten Anwendungsfall zu identifizieren, bei dem individuelle Anpassung heute Zeit oder Qualität kostet, und diesen gezielt zu testen. Ein externer Dienstleister kann dabei helfen, Verfahren und Materialien zu evaluieren, bevor in eigene Infrastruktur investiert wird.




Persönliches Fazit

Was AtrimusRx hier erreicht hat, ist aus meiner Sicht ein echter Meilenstein, nicht wegen des Verfahrens an sich, sondern wegen des regulatorischen Rahmens. Eine Gemeinschaftsapotheke, die 3D-Druck nicht als Experiment betreibt, sondern als validierten, behördlich anerkannten Prozess, das ist ein Qualitätssprung, der zeigt, wie weit die Technologie gereift ist.

Gleichzeitig sollte man die Hürden nicht kleinreden. Validierung in der Pharmazie ist aufwendig, teuer und erfordert spezialisiertes Wissen. Was AtrimusRx in Schweden geschafft hat, ist nicht einfach auf jede Apotheke in Europa übertragbar, schon allein weil die regulatorischen Rahmenbedingungen je nach Land erheblich variieren.

Für mich als Dienstleister im 3D-Druck ist das Signal trotzdem klar: Wenn selbst hochregulierte Branchen wie die Pharmazie beginnen, additive Fertigung in den Routinebetrieb zu integrieren, dann ist die Frage für viele Mittelständler nicht mehr ob, sondern wann und wie. Der Einstieg lohnt sich, wenn der Anwendungsfall stimmt und die Erwartungen realistisch sind.

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