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Bausteine aus Altglas, Binder Jetting im Bauwesen

  • Autorenbild: Sascha Surbanoski
    Sascha Surbanoski
  • vor 6 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit
3D-gedruckte Bausteine aus recyceltem Altglas, hergestellt per Binder Jetting, Vitriform3D und ORNL
Quelle: Voxel Matters / Vitriform3D


Vitriform3D und das Oak Ridge National Laboratory (ORNL) verfolgen einen ungewöhnlichen Ansatz: Altglas, das sonst im Abfallstrom landet, wird per Binder Jetting (ein pulverbettbasiertes 3D-Druckverfahren, bei dem ein flüssiges Bindemittel selektiv in ein Pulverbett gedruckt wird) zu gedruckten Baumaterialien verarbeitet. Das Projekt verbindet Kreislaufwirtschaft mit additiver Fertigung auf eine Weise, die für die Baubranche praktische Relevanz haben könnte.




Inhaltsverzeichnis




Das Bauteil und der Anwendungsfall

Gedruckt werden strukturelle Bauelemente aus gemahlenem Altglas, konkret Blöcke und Formteile, die als Baumaterialien eingesetzt werden sollen. Glas ist als Rohstoff für den 3D-Druck ungewöhnlich: Es ist spröde, hat einen hohen Schmelzpunkt und verhält sich im Pulverbett anders als gängige Polymere oder Metallpulver. Vitriform3D hat gemeinsam mit dem ORNL eine Prozesskette entwickelt, die genau diese Eigenschaften beherrschbar macht.

Der Einsatzbereich liegt im Bauwesen, also dort, wo große Mengen an Material benötigt werden und Nachhaltigkeit zunehmend regulatorisch und wirtschaftlich relevant wird. Glas aus Haushalten und Gewerbe ist zwar theoretisch gut recycelbar, landet in der Praxis aber häufig in minderwertigen Verwertungspfaden oder auf Deponien, weil die Aufbereitung aufwendig ist. Hier setzt der Ansatz an.




Warum hat das Unternehmen auf 3D-Druck gesetzt?

Konventionelle Verfahren zur Wiederverwertung von Altglas im Bauwesen, etwa das Einschmelzen zu neuen Glasscheiben oder die Verwendung als Zuschlagstoff in Beton, erfordern entweder hohe Temperaturen oder akzeptieren erhebliche Qualitätsverluste. Binder Jetting arbeitet bei deutlich niedrigeren Prozesstemperaturen und erlaubt es, Glaspartikel ohne vollständiges Aufschmelzen zu einem festen Körper zu verbinden.

Ein weiterer Treiber ist die Formfreiheit: Gedruckte Bauelemente können geometrisch komplex gestaltet werden, was mit gegossenen oder gepressten Glasblöcken kaum möglich ist. Für Vitriform3D ist das ein Differenzierungsmerkmal gegenüber klassischen Recyclingpfaden. Wie Voxel Matters berichtet, ist die Zusammenarbeit mit dem ORNL entscheidend, weil das Labor Zugang zu Forschungsinfrastruktur und Materialcharakterisierung bietet, die ein junges Unternehmen allein nicht aufbauen könnte.




Verfahren und Material im Detail

Das eingesetzte Verfahren ist Binder Jetting (Bindemittelstrahlverfahren): Ein Druckkopf trägt selektiv ein flüssiges Bindemittel auf ein Pulverbett auf, Schicht für Schicht entsteht so ein Grünteil. Dieses wird anschließend in einem Sinterprozess verdichtet, wobei das Bindemittel ausbrennt und die Glaspartikel miteinander verschmelzen. Das Ergebnis ist ein poröser oder dichter Körper, je nach Prozessparametern.

Als Ausgangsmaterial dient gemahlenes Altglas, das zu einem definierten Pulver aufbereitet wird. Die Partikelgröße und -verteilung sind entscheidend für die Fließfähigkeit im Pulverbett und die spätere Festigkeit des Bauteils. Das ORNL bringt hier seine Expertise in der Materialcharakterisierung ein. Binder Jetting eignet sich für diesen Anwendungsfall besonders gut, weil kein Stützmaterial benötigt wird und sich das Verfahren vergleichsweise einfach auf größere Bauvolumina skalieren lässt, was im Bauwesen eine Grundvoraussetzung ist.




Was wurde konkret verbessert?

Konkrete Kennzahlen zu Festigkeitswerten oder Produktionskosten sind aus den bisher veröffentlichten Informationen nicht bekannt. Was sich aus dem Projektstand ableiten lässt: Die Prozesskette funktioniert prinzipiell, das heißt, es lassen sich formstabile Bauelemente aus Altglas drucken, die für den Einsatz als Baumaterial geeignet sind. Das ist für ein Material, das im 3D-Druck bislang kaum industriell genutzt wird, ein relevanter Schritt.

Die eigentliche Verbesserung liegt nicht primär in der Bauteilqualität, sondern im Verwertungspfad: Altglas, das bisher keinen hochwertigen Abnehmer hatte, wird zu einem definierten Produkt mit Marktpotenzial. Herausforderungen bleiben die Skalierung des Sinterprozesses auf Bauteile in Baugröße sowie die Qualitätssicherung bei schwankenden Altglas-Zusammensetzungen, da Recyclingglas keine homogene Zusammensetzung hat.




Übertragbarkeit für den Mittelstand

Für einen mittelständischen Betrieb im Bauwesen oder in der Baustoffproduktion ist dieser Ansatz kurzfristig noch kein Standardwerkzeug. Binder-Jetting-Anlagen für mineralische Pulver sind kapitalintensiv, und die Prozesskette von der Altglasaufbereitung bis zum gesinterten Bauteil erfordert Spezialwissen. Das Projekt von Vitriform3D und ORNL ist ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt, kein serienreifes Produkt.

Mittelfristig ist der Ansatz jedoch für Unternehmen interessant, die Recyclingmaterialien in ihre Produktionskette integrieren wollen und dabei auf geometrische Freiheit angewiesen sind. Wer heute prüfen möchte, ob Binder Jetting für eigene Materialien oder Bauteile in Frage kommt, sollte zunächst mit einem Dienstleister arbeiten, der das Verfahren beherrscht und Materialversuche begleiten kann. Auf Prototypen-Ebene lassen sich Machbarkeit und Bauteilqualität oft schon mit überschaubarem Aufwand klären, bevor in eigene Anlagen investiert wird.

Besonders relevant ist das Thema für Unternehmen, die unter dem Druck stehen, Recyclingquoten nachzuweisen oder CO2-Bilanzen zu verbessern. Gedruckte Bauelemente aus Altglas wären hier ein messbarer Beitrag, sofern die Prozesskette wirtschaftlich darstellbar ist.




Persönliches Fazit

Was Vitriform3D und das ORNL hier angehen, ist technisch anspruchsvoll und konzeptionell überzeugend. Altglas ist ein Materialstrom, der in der Kreislaufwirtschaft seit Jahren als problematisch gilt, weil hochwertige Verwertungspfade fehlen. Binder Jetting als Brücke zwischen Recycling und Baustoffproduktion zu nutzen, ist ein cleverer Ansatz.

Ich sehe das Projekt realistisch als das, was es ist: Grundlagenarbeit mit Industriepotenzial, aber noch weit von der Serienreife entfernt. Die offenen Fragen rund um Skalierung, Sinterprozess und Materialhomogenität sind nicht trivial. Trotzdem ist es genau diese Art von Forschungsarbeit, aus der in fünf bis zehn Jahren Produktionsverfahren entstehen, die dann auch für den Mittelstand zugänglich werden.

Für Unternehmen, die heute schon mit mineralischen Pulvern oder Recyclingmaterialien arbeiten, lohnt es sich, diesen Bereich im Blick zu behalten. Und wer prüfen möchte, ob Binder Jetting für eigene Anwendungen taugt, sollte das Gespräch mit einem erfahrenen Dienstleister suchen, bevor er eigene Schlüsse aus Pressemeldungen zieht.

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