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Monolithische 3D-gedruckte Zahnprothesen mit CE-Kennzeichnung, 3D-Druck in der Medizintechnik

  • Autorenbild: Sascha Surbanoski
    Sascha Surbanoski
  • vor 6 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit
Monolithische 3D-gedruckte Zahnprothese aus polychromatischem Kunstharz, CE-zertifiziert, dentales PolyJet-Verfahren
Quelle: DeviceMed / Stratasys

Stratasys hat für seine Truedent-Kunstharze die CE-Kennzeichnung der Klasse IIa erhalten. Das ist regulatorisch ein bedeutender Schritt: Dentallabore und Zahnarztpraxen in Europa können damit 3D-gedruckte Zahnersatzlösungen einsetzen, die als Medizinprodukt zugelassen sind, ohne den bislang nötigen Umweg über individuelle Sonderzulassungen.

Konkret geht es um monolithische, polychromatische Prothesen: Kronen, Brücken und herausnehmbare Teilprothesen, die in einem einzigen Druckvorgang mit natürlich wirkenden Farbverläufen gefertigt werden. Die Bezeichnung „monolithisch" bedeutet hier, dass kein nachträgliches Verblenden oder Schichten mehrerer Materialien nötig ist, das Bauteil kommt funktionsfertig aus dem Drucker.



Inhaltsverzeichnis




Das Bauteil und der Anwendungsfall

Im Zentrum stehen Zahnersatzteile für den dauerhaften Einsatz im Mund: Kronen (Einzelzahnersatz), Brücken (mehrgliedrige Konstruktionen zum Ersatz fehlender Zähne) sowie herausnehmbare Teilprothesen. All diese Bauteile stellen hohe Anforderungen an Biokompatibilität, mechanische Belastbarkeit und Ästhetik. Bisher wurden solche Teile überwiegend aus gefrästen Keramikblöcken (subtraktive CAD/CAM-Fertigung) oder konventionell im Dentallabor von Hand hergestellt. Das Besondere an der Truedent-Lösung ist die polychromatische Druckfähigkeit: Ein einzelnes Bauteil kann mehrere Farbtöne aufweisen, die den natürlichen Farbverlauf eines Zahns imitieren, von der Schneidekante bis zum Zahnhals. Das ist ästhetisch relevant, weil Patienten Zahnersatz mit möglichst natürlichem Aussehen bevorzugen. Für das Dentallabor bedeutet das, dass aufwendige Nachbearbeitungsschritte wie das manuelle Charakterisieren entfallen können.

Wie wichtig regulatorische Absicherung im Medizinbereich ist, zeigt auch die Arbeit von Beratungsgremien wie dem Medical Advisory Board von AddUp, über das 3ddrucklife.de berichtet hat: Ohne klare regulatorische Rahmenbedingungen bleibt selbst technisch ausgereifte Medizintechnik aus dem 3D-Drucker im klinischen Alltag schwer einsetzbar.




Warum hat das Unternehmen auf 3D-Druck gesetzt?

Die konventionelle Zahntechnik ist personalintensiv und zeitaufwendig. Ein Dentallabor benötigt für eine klassisch gefertigte Krone mehrere Arbeitstage, qualifizierte Zahntechniker und teure Fräsmaschinen. Gleichzeitig steigt der Kostendruck: Krankenkassen und Patienten erwarten günstigeren Zahnersatz bei gleichbleibender Qualität.

Additive Fertigung verspricht hier kürzere Durchlaufzeiten und eine höhere Automatisierbarkeit. Der entscheidende Hemmschuh war bislang die Regulierung: Für den dauerhaften Einsatz im Körper, und der Mund ist ein anspruchsvolles biologisches Milieu, müssen Materialien als Medizinprodukt zugelassen sein. Ohne CE-Kennzeichnung nach der europäischen Medizinprodukteverordnung (MDR) war ein breiter klinischer Einsatz nicht möglich. Wie DeviceMed berichtet, schließt die neue Zertifizierung genau diese Lücke. Alternativen wie gefräste Zirkonoxid-Keramik bleiben weiterhin im Einsatz, haben aber Grenzen bei der Farbgestaltung und erfordern teure Fräszentren. Gusslösungen aus Metall sind ästhetisch weniger attraktiv. Der 3D-Druck bietet hier einen Mittelweg: schneller als Guss, flexibler in der Farbgebung als Fräsen, und mit der CE-Zertifizierung nun auch regulatorisch abgesichert.




Verfahren und Material im Detail

Stratasys setzt bei den Truedent-Materialien auf das PolyJet-Verfahren (auch MJT, Material Jetting genannt): Dabei werden flüssige Photopolymere, lichtaushärtende Kunstharze, schichtweise auf eine Bauplattform aufgetragen und sofort mit UV-Licht ausgehärtet. Das Verfahren erlaubt sehr hohe Auflösungen im Bereich von 16 Mikrometern und die gleichzeitige Verarbeitung mehrerer Materialien oder Farbtöne in einem einzigen Druckjob. Genau das macht die polychromatische Darstellung möglich.

Das Material selbst ist ein biokompatibles Kunstharz, das für den dauerhaften Kontakt mit Mundschleimhaut und Speichel ausgelegt ist. Die CE-Klasse IIa umfasst Medizinprodukte mit mittlerem Risikopotenzial, dazu zählen unter anderem Zahnfüllungen und festsitzender Zahnersatz. Die Zertifizierung nach MDR (EU-Medizinprodukteverordnung 2017/745) ist deutlich aufwendiger als frühere Zulassungswege und gilt als Qualitätsnachweis für den europäischen Markt.

Für Resin-basierte 3D-Druckverfahren ist die Dentalbranche seit Jahren ein wichtiger Treiber: Schienen, Bohrschablonen und Modelle werden bereits millionenfach additiv gefertigt. Der Schritt zu dauerhaftem, CE-zertifiziertem Zahnersatz ist jedoch technisch und regulatorisch deutlich anspruchsvoller.




Was wurde konkret verbessert?

Der wichtigste Fortschritt ist regulatorischer Natur: Mit der CE-Klasse-IIa-Kennzeichnung können Dentallabore die Truedent-Materialien ohne Sondergenehmigung in der klinischen Praxis einsetzen. Das senkt die Hürde für die Einführung additiver Fertigung im Dentallabor erheblich.

Auf der Prozessseite entfällt das nachträgliche Verblenden, weil Farbverläufe bereits im Druckprozess erzeugt werden. Das spart Arbeitszeit und reduziert die Abhängigkeit von hochspezialisierten Zahntechnikern für Verblendarbeiten. Konkrete Zeitangaben oder Kosteneinsparungen in Prozent nennt die verfügbare Quelle nicht, das ist ehrlich gesagt ein Manko, das bei Herstellermeldungen häufig auftritt.

Eine Herausforderung bleibt die Langzeitstabilität: Kunstharzbasierter Zahnersatz hat traditionell eine kürzere Lebensdauer als Zirkonoxid-Keramik. Ob die Truedent-Materialien hier aufholen können, wird die klinische Praxis zeigen. Auch die Investition in einen PolyJet-Drucker ist für kleinere Dentallabore nicht trivial, die Geräte liegen im fünf- bis sechsstelligen Eurobereich.




Übertragbarkeit für den Mittelstand

Für Dentallabore und Zahnarztpraxen mit eigenem Labor ist dieser Anwendungsfall direkt relevant. Die Voraussetzungen: ein PolyJet-fähiger Drucker von Stratasys, die entsprechenden Truedent-Materialien und, wichtig, ein Qualitätsmanagementsystem, das die MDR-Anforderungen abbildet. Letzteres ist oft der unterschätzte Aufwand bei der Einführung zertifizierter Medizinprodukte.

Für Mittelständler außerhalb der Dentalbranche zeigt dieser Fall ein allgemeines Muster: 3D-Druck in regulierten Branchen (Medizin, Luftfahrt, Lebensmittel) ist technisch oft machbar, scheitert aber an fehlenden Zertifizierungen. Wer hier investiert, braucht einen langen Atem, und idealerweise einen Dienstleister, der die regulatorischen Anforderungen kennt. Wer Prototypen für medizinische Anwendungen entwickelt, sollte die Zertifizierungsfrage von Anfang an mitdenken, nicht erst am Ende der Entwicklung. Kleinere Labore, die keine eigene PolyJet-Anlage betreiben wollen, können auf externe Dienstleister zurückgreifen. Entscheidend ist dabei, dass der Dienstleister nachweislich mit zertifizierten Medizinmaterialien arbeitet und die entsprechende Dokumentation liefern kann.




Persönliches Fazit

Die CE-Zertifizierung der Truedent-Materialien ist kein Marketing-Ereignis, sondern ein echter regulatorischer Meilenstein. In der Medizintechnik ist die Zulassung oft der härteste Teil des Weges, technisch ist vieles längst möglich, was regulatorisch noch nicht erlaubt ist. Dass Stratasys diesen Schritt für dauerhaften Zahnersatz nun vollzogen hat, öffnet einen Markt, der bisher weitgehend der subtraktiven Fertigung vorbehalten war.

Was mich als Praktiker interessiert: Wie schlägt sich das Material nach drei oder fünf Jahren im Mund? Die Langzeitdaten fehlen noch, und die Dentalbranche ist zu Recht konservativ, wenn es um Haltbarkeit geht. Zirkonoxid hat jahrzehntelange klinische Daten, das kann kein neues Kunstharz kurzfristig aufholen.

Trotzdem sehe ich hier einen klaren Trend: Die additive Fertigung dringt Schritt für Schritt in regulierte Bereiche vor, und die Zertifizierungen werden mehr. Für Dentallabore, die jetzt in die Technologie einsteigen, ist das eine Chance, Prozesse zu modernisieren. Für alle anderen Branchen mit ähnlichen Regulierungsanforderungen ist dieser Fall ein gutes Beispiel dafür, wie man den Weg von der Technologie zur Marktzulassung konsequent geht.

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