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Orthesen und Prothesen aus dem 3D-Drucker, Additive Fertigung in der Orthopädietechnik

  • Autorenbild: Sascha Surbanoski
    Sascha Surbanoski
  • vor 5 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

HP Germany präsentierte auf der OTWorld 2026 in Leipzig, wie additive Fertigungsverfahren die Produktion von Orthesen und Prothesen grundlegend verändern können. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Orthopädietechnik-Labore von der handwerklichen Einzelfertigung zu einer skalierbaren, digitalisierten Versorgungskette gelangen.




Inhaltsverzeichnis




Das Bauteil und der Anwendungsfall

Orthesen (Hilfsmittel zur Unterstützung oder Korrektur von Gliedmaßen und Rumpf) sowie Prothesen (Ersatz für fehlende Körperteile) gehören zu den anspruchsvollsten Produkten der Medizintechnik. Jedes Teil muss individuell an den Patienten angepasst werden: Geometrie, Druckpunkte, Gewicht und Materialsteifigkeit variieren von Person zu Person. Klassisch werden diese Bauteile in Handarbeit aus Gipsabdrücken, Thermoplastplatten oder Carbonfasergeweben gefertigt, was mehrere Arbeitstage pro Versorgung beansprucht.

Der 3D-Druck erlaubt es, aus einem digitalen Körperscan direkt ein passgenaues Bauteil zu erzeugen, ohne Zwischenschritte wie Gipsmodell oder manuelle Anpassung. Einsatzbereiche reichen von Unterschenkelorthesen über Fußeinlagen bis zu Prothesenschaftsystemen. Wie die Skalierung additiver Fertigung auch in anderen Branchen gelingt, zeigt etwa das Beispiel der GKN Aerospace, die Triebwerkskomponenten additiv fertigt und dabei ähnliche Digitalisierungsschritte durchlaufen hat.




Warum hat die Branche auf 3D-Druck gesetzt?

Die Orthopädietechnik steht unter erheblichem Kostendruck: Krankenkassen vergüten Hilfsmittel nach festen Pauschalen, während der handwerkliche Aufwand pro Versorgung hoch bleibt. Gleichzeitig wächst der Bedarf, unter anderem durch eine alternde Bevölkerung und steigende Zahlen von Diabetes-bedingten Amputationen. Traditionelle Fertigungsmethoden lassen sich kaum skalieren, weil jeder Schritt Fachkräfte mit spezifischem Handwerk erfordert.

Hinzu kommt das Problem der Reproduzierbarkeit: Ein handgefertigtes Bauteil hängt stark von der Erfahrung des jeweiligen Orthopädietechnikers ab. Qualitätsschwankungen zwischen Laboren oder sogar zwischen zwei Versorgungen desselben Patienten sind keine Seltenheit. Der 3D-Druck verspricht hier eine digitale Prozesskette, bei der das Scan-Ergebnis direkt in ein reproduzierbares Bauteil überführt wird, wie MM MaschinenMarkt zur OTWorld 2026 berichtet.




Verfahren und Material im Detail

HP setzt in der Orthopädietechnik auf das MJF-Verfahren (Multi Jet Fusion: ein Pulverbettverfahren, bei dem ein Druckkopf selektiv Bindemittel und Energieabsorber auf Kunststoffpulver aufträgt und anschließend eine Infrarotlampe das Pulver verschmilzt). Das Verfahren erzeugt isotrope Bauteile, also Teile mit gleichmäßigen mechanischen Eigenschaften in alle Richtungen, was für Orthesen und Prothesen unter Belastung entscheidend ist. Stützmaterial wird nicht benötigt, was komplexe Geometrien mit Hinterschnitten ermöglicht.

Als Material kommen vorwiegend PA 12 (Polyamid 12) und zunehmend auch TPU (Thermoplastisches Polyurethan) zum Einsatz. PA 12 bietet hohe Steifigkeit und gute Biokompatibilität, TPU ermöglicht flexible Zonen innerhalb eines Bauteils, etwa an Gelenken oder Polsterbereichen. Die Möglichkeit, innerhalb eines Druckjobs unterschiedliche Wandstärken und Gitterstrukturen zu realisieren, erlaubt eine gezielte Steifigkeitsverteilung, die bisher nur durch aufwendige manuelle Laminierarbeit erreichbar war. Für Anwendungen, bei denen besonders hohe Präzision gefragt ist, kommt ergänzend auch SLS-Druck (Selektives Lasersintern) in Betracht, das ähnliche Materialien verarbeitet.




Was wurde konkret verbessert?

Der größte messbare Effekt liegt in der Durchlaufzeit. Wo eine klassische Unterschenkelorthese vom Gipsabdruck bis zur Auslieferung fünf bis zehn Werktage benötigt, kann der digitale Workflow diesen Zeitraum auf ein bis zwei Tage reduzieren, sofern Scanner, CAD-Software und Drucker im Labor oder bei einem Dienstleister verfügbar sind. Für Patienten bedeutet das eine schnellere Versorgung, für Labore eine höhere Kapazitätsauslastung.

Reproduzierbarkeit ist ein weiterer Vorteil: Wird eine Orthese beschädigt oder muss nachgefertigt werden, genügt der gespeicherte Datensatz, um ein identisches Bauteil zu produzieren. Lagerhaltung von Rohlingen entfällt weitgehend. Herausfordernd bleibt die Zertifizierung: Medizinprodukte der Klasse I und höher unterliegen der EU-Medizinprodukteverordnung (MDR), was Validierungsaufwand für jeden Drucker, jedes Material und jeden Prozessschritt bedeutet. Viele kleinere Labore scheuen diesen Aufwand noch, weshalb die Skalierung bislang vor allem bei größeren Versorgungszentren und spezialisierten Dienstleistern stattfindet.

Kostenvorteile entstehen vor allem bei mittleren Stückzahlen und bei Nachfertigungen. Bei Einzelstücken mit sehr einfacher Geometrie ist der handwerkliche Weg noch konkurrenzfähig. Der Break-even verschiebt sich zugunsten des 3D-Drucks, sobald ein Labor regelmäßig mehr als zehn bis zwanzig gleichartige Versorgungen pro Woche produziert.




Übertragbarkeit für den Mittelstand

Für ein mittelständisches Orthopädietechnik-Labor stellt sich die Frage, ob die Investition in eigene Drucktechnik sinnvoll ist oder ob ein externer Dienstleister die bessere Wahl darstellt. Ein MJF-System der industriellen Klasse kostet im Einstiegsbereich mehrere hunderttausend Euro, hinzu kommen Materialkosten, Wartungsverträge und der MDR-Validierungsaufwand. Für Labore mit weniger als 50 Versorgungen pro Woche ist der Eigenbetrieb wirtschaftlich kaum darstellbar.

Die Alternative ist die Zusammenarbeit mit einem zertifizierten 3D-Druck-Dienstleister, der die Fertigung übernimmt und die regulatorischen Anforderungen bereits erfüllt. Das Labor liefert den Scan und die Konstruktionsdaten, der Dienstleister produziert und liefert das fertige Bauteil zurück. Dieser Ansatz senkt die Einstiegshürde erheblich und erlaubt es auch kleineren Laboren, von den Vorteilen der additiven Fertigung zu profitieren, ohne eigene Infrastruktur aufzubauen. Wer Ersatzteile oder patientenindividuelle Bauteile additiv fertigen lassen möchte, findet bei spezialisierten Dienstleistern oft auch Beratung zur MDR-konformen Prozesskette.

Wichtig ist die Wahl des richtigen CAD- und Scan-Workflows. Nicht jede Scan-Software liefert direkt druckfertige STL-Dateien; oft sind Nachbearbeitungsschritte nötig, die Fachkenntnis erfordern. Wer diesen Schritt unterschätzt, verliert den Zeitvorteil des 3D-Drucks wieder durch manuelle Datennachbearbeitung.




Persönliches Fazit

Die Orthopädietechnik ist einer der überzeugendsten Anwendungsfälle für additive Fertigung, weil hier zwei Kerneigenschaften des 3D-Drucks direkt zum Tragen kommen: Individualität und Reproduzierbarkeit. Kein anderes Fertigungsverfahren kann ein geometrisch einzigartiges Bauteil so effizient und wiederholbar produzieren.

Was mich in der Praxis beschäftigt: Der Engpass liegt selten beim Drucker selbst, sondern beim Gesamtprozess. Scan-Qualität, CAD-Kompetenz, Materialvalidierung und MDR-Dokumentation sind die eigentlichen Hürden. Wer diese Kette nicht vollständig beherrscht, druckt zwar schnell, liefert aber kein zugelassenes Medizinprodukt.

Die OTWorld 2026 zeigt, dass die Branche diese Herausforderungen ernst nimmt und zunehmend standardisierte Workflows entwickelt. Das ist kein Hype, sondern eine logische Weiterentwicklung eines Handwerks, das schon immer auf Maßanfertigung angewiesen war. Der 3D-Druck macht diese Maßanfertigung erstmals skalierbar, und das ist ein echter wirtschaftlicher Mehrwert.

Für Mittelständler aus der Orthopädietechnik lautet meine Einschätzung: Einstieg über einen Dienstleister, eigene Kompetenz im Scan- und CAD-Bereich aufbauen, und erst dann über eigene Drucktechnik nachdenken, wenn die Stückzahlen es rechtfertigen.

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