SOGECLAIR und AddUp vertiefen Partnerschaft im Metall-3D-Druck für Luft- und Raumfahrt
- Sascha Surbanoski

- 30. Apr.
- 5 Min. Lesezeit

AddUp, eine Tochtergesellschaft der Fives Group, und der französische Aerospace-Dienstleister SOGECLAIR haben ihre Partnerschaft auf eine neue Stufe gehoben. SOGECLAIR erwirbt eine FormUp 350, AddUps Flaggschiff-Anlage für das pulverbettbasierte Laserstrahlschmelzen (L-PBF, Laser Powder Bed Fusion), und installiert sie am Standort Toulouse. Die Zusammenarbeit beider Unternehmen reicht bis ins Jahr 2016 zurück, als das Gemeinschaftsunternehmen PRINTSKY gegründet wurde, das industrielle Projekte im Bereich Metall-Additivfertigung für Luft- und Raumfahrt, Raumfahrt und Verteidigung vorantreibt. Laut Hersteller-Pressemeldung markiert die Investition einen entscheidenden Schritt in der Industrialisierung hochkomplexer Bauteile.
Inhaltsverzeichnis
Hintergrund: Fast ein Jahrzehnt gemeinsamer Entwicklung
Die Wurzeln der Kooperation liegen im Jahr 2016, als SOGECLAIR und AddUp das Joint Venture PRINTSKY ins Leben riefen. Ziel war es, die Reife der Metall-Additivfertigung für sicherheitskritische Branchen systematisch voranzutreiben. Seitdem haben beide Partner gemeinsam Projekte entwickelt, Qualifizierungsprozesse erarbeitet und Erfahrungen mit dem regulatorischen Umfeld der Luft- und Raumfahrt gesammelt. Die jetzige Investition in eine eigene FormUp 350 bei SOGECLAIR ist damit kein Neustart, sondern die logische Fortsetzung einer bereits erprobten Zusammenarbeit.
SOGECLAIR ist als börsennotiertes Unternehmen (Euronext Growth Paris) in den Bereichen Luft- und Raumfahrt, Automobil, Bahn und Verteidigung tätig. Das Unternehmen deckt die gesamte Prozesskette ab, von der Konstruktion und Simulation bis zur Fertigung und Inbetriebnahme. Die Entscheidung, eine eigene L-PBF-Anlage zu betreiben, signalisiert den Übergang vom Entwicklungspartner zum eigenständigen Serienfertiger für additive Metallbauteile.
Die FormUp 350: Technische Eckdaten und Stärken
Die FormUp 350 arbeitet nach dem L-PBF-Verfahren und ist mit einem Mehrlaserkonzept sowie einem Echtzeit-Überwachungssystem ausgestattet. Letzteres ist für sicherheitskritische Anwendungen besonders relevant, weil es Prozessabweichungen während des Drucks erfasst und dokumentiert. Für Luft- und Raumfahrtbauteile, die strengen Rückverfolgbarkeits- und Qualitätsstandards unterliegen, ist eine lückenlose Prozessdokumentation keine Option, sondern Pflicht.
Technisch hervorzuheben sind die erreichbare Oberflächenqualität von bis zu 4 µm Ra (Rauheitswert, ein Maß für die mittlere Oberflächenrauheit) sowie das geschlossene Pulverhandhabungssystem, das Kontamination und Gesundheitsrisiken beim Umgang mit Metallpulvern minimiert. Die Anlage erlaubt außerdem die Topologieoptimierung von Bauteilen, also die rechnergestützte Anpassung der Geometrie, um Material zu sparen und gleichzeitig die mechanische Leistung zu erhalten. Das ist für Leichtbauanwendungen in der Luft- und Raumfahrt ein zentrales Argument.
Vollständige Wertschöpfungskette als strategisches Ziel
Mit der Installation der FormUp 350 will SOGECLAIR eine durchgängige Prozesskette aufbauen: vom Design über die additive Fertigung bis zur Qualifizierung und Validierung auf dem hauseigenen thermofluidischen Prüfstand. Dieser Prüfstand simuliert thermische Zyklen und Mehrfluid-Belastungen, wie sie Wärmetauscher in aktuellen und künftigen Flugzeuggenerationen erfahren. In der Praxis bedeutet das, dass SOGECLAIR seinen Kunden künftig nicht nur ein Bauteil liefert, sondern einen validierten Nachweis der Leistungsfähigkeit unter realen Betriebsbedingungen.
Stéphane Zirilli, VP SOGECLAIR Equipment Innovative Materials, beschreibt das Ziel so: Die Integration der FormUp 350 ermögliche es, Kunden eine vollständige Lösung anzubieten, von der Konstruktion bis zur Qualifizierung komplexer Teile einschließlich der Serienproduktion. Das ist ein Positionierungsversprechen, das im Aerospace-Umfeld nur dann trägt, wenn die Qualifizierungsprozesse tatsächlich zertifizierungsfähig sind.
Referenzprojekt ECCAD: Wärmetauscher mit 150-µm-Wandstärken
Dass SOGECLAIR mit der FormUp 350 bereits praktische Erfahrungen gesammelt hat, belegt das ECCAD-Projekt, das vom CORAC (Conseil pour la Recherche Aéronautique Civile) der französischen Luftfahrtbehörde DGAC gefördert wurde. Dabei wurde ein Aluminium-Wärmetauscher für die Luft- und Raumfahrt entwickelt, der Wandstärken von bis zu 150 µm und doppelt gekrümmte Kanäle aufweist. Solche Geometrien sind mit konventionellen Fertigungsverfahren wie Fräsen oder Gießen nicht realisierbar.
Dieses Projekt zeigt exemplarisch, warum L-PBF für thermische Systeme in der Luft- und Raumfahrt an Bedeutung gewinnt: Die Freiheit in der Geometriegestaltung erlaubt es, Wärmeübertragungsflächen zu maximieren und gleichzeitig Gewicht zu reduzieren, zwei Anforderungen, die im Flugzeugbau direkt in Betriebskosten und CO2-Bilanz übersetzt werden können.
AddUps Stellung im Aerospace-Segment
AddUp ist im Aerospace-Umfeld kein Unbekannter. Das Unternehmen arbeitet mit Dassault Aviation, Thales und der DGA (Direction Générale de l'Armement, dem französischen Rüstungsbeschaffungsamt) zusammen. Strategische Projekte wie MASSIF, das im Rahmen des France-2030-Programms eine neue Anlage für großformatige Bauteile entwickelt, unterstreichen den Anspruch, nicht nur Maschinen zu liefern, sondern Fertigungslösungen für die nächste Industriegeneration zu gestalten.
Bemerkenswert ist auch das Vorhaben, eine AddUp-Anlage zur Internationalen Raumstation ISS zu schicken, ein Projekt, das die Robustheit und Prozessstabilität der Technologie unter extremen Bedingungen unter Beweis stellen soll. Julien Marcilly, Präsident von AddUp, betont, dass das LevelUp-Serviceprogramm Kunden wie SOGECLAIR dabei unterstützt, ihre Fähigkeiten kontinuierlich weiterzuentwickeln und die Anforderungen des Aerospace- und Defense-Marktes zu erfüllen.
Preis und Verfügbarkeit
Ein offizieller Kaufpreis für die FormUp 350 wird in der Pressemeldung nicht genannt. Industrielle L-PBF-Anlagen dieser Klasse bewegen sich typischerweise im siebenstelligen Euro-Bereich; konkrete Angebote werden von AddUp individuell auf Basis der Konfiguration und des Servicepaketes kalkuliert. Die Installation am SOGECLAIR-Standort Toulouse ist bereits beschlossen und befindet sich laut Meldung in der Umsetzungsphase. Interessenten können sich direkt an AddUp wenden, um Konfiguration und Konditionen zu besprechen.
Alternativen und vergleichbare Produkte
Im Segment der industriellen Metall-L-PBF-Anlagen für Aerospace und Defense gibt es einige etablierte Wettbewerber, die ähnliche Anforderungsprofile adressieren:
SLM Solutions (Nikon SLM Solutions): Der deutsche Hersteller bietet Mehrlasermaschinen wie die SLM 500 und SLM 800 an, die ebenfalls auf hohe Produktivität und Prozessüberwachung ausgelegt sind. Stärke ist die langjährige Qualifizierungserfahrung im Aerospace-Umfeld; die Anlagen sind bei mehreren Tier-1-Zulieferern im Einsatz. Preislich bewegen sie sich in vergleichbarer Klasse.
Colibrium Additive (ehemals GE Additive): Mit der Concept Laser M2-Serie und der X Line 2000R für großformatige Bauteile deckt Colibrium Additive ein breites Spektrum ab. Besonders für sicherheitskritische Anwendungen mit umfangreichen Qualifizierungsanforderungen ist das Unternehmen bekannt, nicht zuletzt durch den Einsatz im GE-eigenen Triebwerksbau.
Trumpf: Die TruPrint-Serie des Stuttgarter Laserspezialisten gilt als technisch ausgereifte Alternative mit starker Prozessüberwachung (TruPrint 5000 mit Multilaser). Trumpf punktet mit einer breiten Materialpalette und einem dichten Servicenetz in Europa, was für Aerospace-Kunden mit strengen Wartungsanforderungen relevant ist.
Aktueller Status und Markterwartung
Die Partnerschaft zwischen SOGECLAIR und AddUp steht stellvertretend für einen breiteren Trend: Aerospace-Zulieferer, die bislang auf externe Dienstleister für additive Fertigung angewiesen waren, bauen zunehmend eigene Kapazitäten auf. Der Grund ist nicht allein die Kostenstruktur, sondern vor allem die Kontrolle über Qualifizierungsprozesse und Lieferketten, zwei Faktoren, die in der Luft- und Raumfahrt regulatorisch und strategisch entscheidend sind.
Mit dem France-2030-Programm im Rücken und Projekten wie MASSIF positioniert sich AddUp als nationaler Champion im Bereich industrieller Metall-Additivfertigung. Für den deutschen und europäischen Markt ist das ein Signal: Wer im Aerospace-Segment mit L-PBF-Technologie arbeiten will, muss nicht nur die Maschine beherrschen, sondern auch die gesamte Qualifizierungskette vom Pulver bis zum zertifizierten Bauteil abbilden können.
Persönliches Fazit
Aus meiner Sicht ist diese Meldung ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Metall-Additivfertigung im Aerospace-Umfeld gerade strukturell verändert. Es geht nicht mehr nur darum, ob L-PBF technisch funktioniert, das ist seit Jahren belegt. Es geht darum, wer die vollständige Prozesskette inklusive Qualifizierung und Validierung beherrscht und damit serientauglich wird. SOGECLAIR macht genau diesen Schritt: weg vom Entwicklungspartner, hin zum eigenständigen Serienfertiger. In der Praxis bei Kunden aus dem Mittelstand sehe ich ähnliche Überlegungen: Der Einstieg in die eigene Metall-AM-Kapazität lohnt sich erst dann, wenn auch die nachgelagerten Prozesse, also Wärmebehandlung, Qualitätssicherung und Zertifizierung, intern oder in enger Partnerschaft abgebildet werden können. Dass AddUp dabei nicht nur die Maschine liefert, sondern mit dem LevelUp-Programm auch die Befähigung des Kunden begleitet, ist ein Modell, das ich für zukunftsfähig halte. Die Kombination aus thermofluidischem Prüfstand und L-PBF-Anlage am selben Standort ist dabei ein echter Differenzierungsfaktor, den nicht viele Zulieferer vorweisen können.


