EP-M550 bei Rosswag Engineering, Metall-3D-Druck in der Industrielieferkette
- Sascha Surbanoski

- vor 4 Tagen
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Rosswag Engineering, der auf Schmiedeteile und Metallverarbeitung spezialisierte Mittelständler aus Pfinztal, geht einen ungewöhnlichen Schritt: Gemeinsam mit dem chinesischen Maschinenhersteller Eplus3D und dem Metallpulveranbieter qualloy hat das Unternehmen ein Memorandum of Understanding (MoU) unterzeichnet. Ziel ist es, eine vollständig integrierte Lieferkette für den industriellen Metall-3D-Druck aufzubauen. Das Besondere daran ist nicht die Partnerschaft an sich, sondern die Konsequenz, mit der alle drei Glieder der Kette, Maschine, Pulver und Anwendungs-Know-how, unter einem gemeinsamen Qualifizierungsrahmen zusammengeführt werden sollen.
Inhaltsverzeichnis
Das Bauteil und der Anwendungsfall
Im Fokus der Partnerschaft stehen keine einzelnen Prototypen, sondern eine ganze Klasse industrieller Bauteile: Komponenten für Energiemaschinen, drucktragende Bauteile sowie Wärmetauscher. Diese Teile stellen hohe Anforderungen an Materialdichte, mechanische Belastbarkeit und Maßhaltigkeit, Eigenschaften, die im Metall-3D-Druck nur durch sorgfältig qualifizierte Prozessparameter zuverlässig erreicht werden.
Rosswag bringt dabei seine langjährige Erfahrung in der Metallverarbeitung, Wärmebehandlung, spanenden Bearbeitung und Prüftechnik ein. Das Unternehmen ist damit kein reiner Maschinenbetreiber, sondern ein Prozessketten-Integrator, der den gedruckten Rohling bis zum einbaufertigen Bauteil weiterverarbeiten kann. Ähnliche Ansätze verfolgen auch andere Akteure im Metall-AM-Umfeld, wie der Artikel über SOGECLAIR und AddUp im Luft- und Raumfahrtbereich zeigt.
Warum haben die Unternehmen auf diesen Ansatz gesetzt?
Ein zentrales Problem im industriellen Metall-3D-Druck ist die fehlende Durchgängigkeit: Maschinenhersteller, Pulverlieferanten und Anwender arbeiten oft unabhängig voneinander, was zu inkonsistenten Prozessparametern, aufwendigen Eigenqualifizierungen und letztlich zu Unsicherheiten bei der Bauteilzulassung führt. Genau hier setzt das Dreierbündnis an.
qualloy soll Metallpulver liefern, das speziell für Eplus3D-Systeme ausgelegt und systematisch qualifiziert wird. Die validierten Prozessparameter und Pulverspezifikationen werden anschließend über qualloys Online-Shop allen Eplus3D-Kunden zugänglich gemacht. Das bedeutet: Ein Anwender, der eine Eplus3D-Maschine betreibt, kann künftig auf fertig qualifizierte Pulver-Parameter-Kombinationen zurückgreifen, ohne selbst aufwendige Materialstudien durchführen zu müssen. Wie TCT Magazine berichtet, ist das erklärte Ziel, industrietaugliche Prozessleistung zu validieren und anwendungsfertige Benchmarking-Kapazitäten zu schaffen.
Verfahren und Material im Detail
Eingesetzt wird das LPBF-Verfahren (Laser Powder Bed Fusion, auch bekannt als SLM oder DMLS: ein Verfahren, bei dem ein Laserstrahl Metallpulver schichtweise aufschmilzt und so dichte Metallbauteile erzeugt). Die neue Anlage, der Eplus3D EP-M550, verfügt über einen Bauraum von 550 x 550 x 450 mm und ist mit acht Lasern ausgestattet. Diese Konfiguration erlaubt es, großformatige oder mehrere kleinere Bauteile in einem einzigen Baujob zu fertigen, ein entscheidender Faktor für die Wirtschaftlichkeit in der Serienproduktion.
Beim Metall-3D-Druck ist die Wahl des Pulvers eng mit den Maschinenparametern verknüpft. Abweichungen in Partikelgröße, Fließverhalten oder Zusammensetzung können die Bauteileigenschaften erheblich beeinflussen. Genau deshalb ist die gemeinsame Materialqualifizierung zwischen qualloy und Eplus3D kein Marketing-Versprechen, sondern eine technische Notwendigkeit. Rosswag wird die Anlage ab Juni 2026 für kundenspezifische Tests, Validierungen und Anwendungsentwicklungen bereitstellen.
Was wurde konkret verbessert?
Konkrete Kennzahlen zu Kosteneinsparungen oder Durchlaufzeiten nennen die Partner zum jetzigen Zeitpunkt nicht, das MoU markiert den Beginn der Zusammenarbeit, nicht deren Abschluss. Was sich jedoch bereits abzeichnet: Die Bündelung von Maschinenkapazität, Pulverkompetenz und Nachbearbeitungs-Know-how unter einem Dach reduziert die Anzahl der Schnittstellen, an denen Qualitätsprobleme entstehen können.
Für Endkunden aus der Energietechnik oder dem Apparatebau bedeutet das potenziell kürzere Qualifizierungszyklen und eine verlässlichere Bauteilzertifizierung. Die Herausforderung bleibt, dass solche integrierten Ökosysteme eine gewisse Abhängigkeit von den beteiligten Partnern erzeugen. Wer auf qualloy-Pulver und Eplus3D-Maschinen setzt, ist bei Lieferengpässen oder Technologiewechseln stärker gebunden als ein Anwender mit offener Materialstrategie.
Übertragbarkeit für den Mittelstand
Das Modell, das Rosswag, Eplus3D und qualloy hier erproben, ist für mittelständische Unternehmen in zweierlei Hinsicht relevant. Erstens zeigt es, dass der Einstieg in den industriellen Metall-3D-Druck nicht zwingend bedeutet, alle Kompetenzen selbst aufzubauen. Ein spezialisierter Dienstleister mit integrierter Prozesskette kann die Qualifizierungsarbeit übernehmen und fertig validierte Bauteile liefern.
Zweitens verdeutlicht die Partnerschaft, dass die Wahl der Maschine und des Pulvers keine isolierten Entscheidungen sind. Wer eine LPBF-Anlage anschafft, sollte von Anfang an klären, welche Pulverlieferanten für das System qualifizierte Parameter anbieten und welche Nachbearbeitungsschritte intern oder extern abgedeckt werden müssen. Für Unternehmen, die zunächst einzelne Ersatzteile oder Prototypen im Metall-3D-Druck evaluieren möchten, empfiehlt sich der Einstieg über einen erfahrenen Dienstleister, bevor in eigene Maschinenkapazität investiert wird.
Persönliches Fazit
Was Eplus3D, Rosswag und qualloy hier aufbauen, adressiert ein reales Problem: Die Metall-AM-Branche leidet seit Jahren unter fragmentierten Lieferketten, in denen jeder Akteur seinen eigenen Qualifizierungsaufwand betreibt. Ein gemeinsamer Rahmen, der Pulver, Maschinenparameter und Anwendungs-Know-how verbindet, ist konzeptionell überzeugend.
Ob das Modell in der Praxis hält, was es verspricht, wird sich ab Mitte 2026 zeigen, wenn die EP-M550 bei Rosswag in Betrieb geht und erste Kundenprojekte anlaufen. Ich beobachte solche Ökosystem-Ansätze mit Interesse, aber auch mit einer gewissen Skepsis: Integrierte Lieferketten funktionieren gut, solange alle Partner stabil aufgestellt sind. Sobald ein Glied der Kette schwächelt, spüren das alle Beteiligten.
Für den Mittelstand bleibt die Kernbotschaft: Metall-3D-Druck ist kein Selbstläufer, aber er wird zugänglicher, wenn Maschine, Material und Prozess-Know-how aus einer Hand kommen. Wer heute in diese Technologie einsteigen will, sollte genau prüfen, welche Partner eine durchgängige Qualifizierung anbieten, und nicht nur eine Maschine verkaufen.




