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Ersatzteile und Drohnen im Feldlager, 3D-Druck bei den U.S. Marines

  • Autorenbild: Sascha Surbanoski
    Sascha Surbanoski
  • vor 5 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit
Mobile 3D-Druck-Einheit der U.S. Marines im Feldlager, containerisiertes additives Fertigungssystem für Ersatzteile und Drohnenproduktion
Quelle: TCT Magazine / Phillips Federal

Das U.S. Marine Corps erprobt derzeit in einer groß angelegten Feldübung, wie additive Fertigung die Kampfbereitschaft in abgelegenen Einsatzgebieten stärken kann. Vom 28. April bis 8. Mai 2026 läuft die Übung des 1st Maintenance Battalion, 1st Marine Logistics Group, I Marine Expeditionary Force (I MEF), mit dem Ziel, Wartung, Reparatur und sogar Drohnenproduktion direkt im Feldlager zu ermöglichen.




Inhaltsverzeichnis




Das Bauteil und der Anwendungsfall

Im Mittelpunkt der Übung steht kein einzelnes Bauteil, sondern ein ganzes Spektrum: Ersatzteile für Fahrzeuge und Ausrüstung, die im Feldeinsatz ausfallen, sowie Komponenten für unbemannte Luftfahrzeuge (Drohnen). Das Besondere ist der Ort der Fertigung: nicht in einer Werkstatt im Hinterland, sondern direkt am Vorwärts-Stützpunkt (Forward Operating Base), in containerisierten Fertigungseinheiten, die per Lufttransport verlegt werden können.

Das Konzept heißt „Expeditionary Manufacturing", also mobile, einsatzfähige Fertigung unter Feldbedingungen. Die Systeme sind so ausgelegt, dass sie auch für sogenannte Expeditionary Advanced Base Operations (EABO) taugen, also für kleine, verstreute Stützpunkte ohne klassische Logistikkette.




Warum hat das Militär auf 3D-Druck gesetzt?

Der klassische Nachschubweg im Militär ist lang: Ein defektes Teil muss identifiziert, bestellt, transportiert und eingebaut werden. In abgelegenen oder umkämpften Gebieten kann das Tage oder Wochen dauern. Fällt ein kritisches System aus, ist die Einheit kampfunfähig. Genau hier setzt die additive Fertigung an: Wenn das Teil direkt vor Ort gedruckt werden kann, entfällt der Transportweg vollständig.

Hinzu kommt das Problem der Obsoleszenz (also des Auslaufens von Ersatzteilen): Militärische Systeme werden oft jahrzehntelang betrieben, während die ursprünglichen Hersteller die Produktion längst eingestellt haben. 3D-Druck ermöglicht es, solche Teile auf Basis digitaler Konstruktionsdaten neu zu fertigen, ohne auf Lagerbestände angewiesen zu sein. Wie TCT Magazine berichtet, ist Phillips Federal als Koordinator des Projekts explizit darauf ausgerichtet, diese Lücke zu schließen.

Alternativen wie konventionelle Zerspanungsmaschinen (CNC-Fräsen) oder Schweißwerkstätten sind zwar erprobt, aber schwer und infrastrukturaufwendig. Sie lassen sich nicht so kompakt containerisieren wie ein modernes 3D-Druck-System.




Verfahren und Material im Detail

Die Übung kombiniert mehrere Fertigungsverfahren, die jeweils unterschiedliche Anforderungen abdecken. Zentrales Element ist das hybride WAAM-Verfahren (Wire Arc Additive Manufacturing: Drahtlichtbogen-Additivfertigung), bei dem Metallbauteile durch einen Lichtbogenprozess schichtweise aus Schweißdraht aufgebaut werden. WAAM eignet sich besonders für große, strukturell belastete Metallteile und ist vergleichsweise energieeffizient.

Ergänzt wird dies durch zwei Plattformen von EOS: den M290 für metallischen Metall-3D-Druck im Pulverbettverfahren (SLM/DMLS, also selektives Laserschmelzen von Metallpulver) und den P 3 Next für Kunststoffteile im SLS-Verfahren (Selective Laser Sintering, selektives Lasersintern von Kunststoffpulver ohne Stützmaterial). Beide Verfahren liefern Bauteile mit hoher Maßhaltigkeit und mechanischer Belastbarkeit.

Für faserverstärkte Kunststoffteile kommt der Markforged X7 zum Einsatz, der im CFF-Verfahren (Continuous Fiber Fabrication) Endlosfasern aus Carbon oder Kevlar in Kunststoffmatrizen einbettet. Das ergibt Teile mit deutlich höherer Steifigkeit als reiner Kunststoffdruck. Den Bereich großformatiger Kunststoffbauteile deckt der BigRep VIIO 250 ab, ein Großformatdrucker im FFF-Verfahren (Fused Filament Fabrication, Schmelzschichtdruck). Die Softwareseite übernimmt 3YOURMIND mit einem Manufacturing Execution System (MES) zur Teilidentifikation und Fertigungssteuerung.




Was wurde konkret verbessert?

Konkrete Messwerte aus der laufenden Übung liegen noch nicht vor, da sie zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch nicht abgeschlossen war. Der strategische Nutzen ist jedoch klar formuliert: Wartungszeiten sollen sinken, die Abhängigkeit von langen Lieferketten soll reduziert werden, und Einheiten sollen länger autonom operieren können.

Patrick Tucker, ehemaliger Colonel des U.S. Marine Corps und heute Strategic Business Development Manager bei Phillips Federal, beschreibt das Ziel als „containerisierte Fertigungssysteme für taktische Luftmobilität, Vorwärtsstützpunkte und expeditionäre Operationen". Das ist kein vages Versprechen, sondern eine konkrete Systemanforderung, die in der Übung unter realen Feldbedingungen getestet wird.

Eine Herausforderung bleibt die Qualitätssicherung: Im Feldlager fehlen oft die Messgeräte und Prüfverfahren, die in einer Industriewerkstatt selbstverständlich sind. Ob ein gedrucktes Ersatzteil die nötige Festigkeit für sicherheitskritische Anwendungen hat, lässt sich ohne entsprechende Infrastruktur schwer verifizieren. Das ist ein bekanntes Problem bei der militärischen Nutzung additiver Fertigung, das auch in dieser Übung adressiert werden soll.




Übertragbarkeit für den Mittelstand

Was das Militär hier im Feldversuch erprobt, ist im Kern dasselbe Problem, das viele mittelständische Unternehmen kennen: Teile, die nicht mehr lieferbar sind, lange Lieferzeiten bei Sonderanfertigungen und der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit von externen Zulieferern. Der Unterschied liegt im Kontext, nicht im Prinzip.

Für einen Mittelständler bedeutet das konkret: Eine Kombination aus einem Metall-3D-Drucker für strukturelle Teile und einem Kunststoffdrucker für Halterungen, Vorrichtungen oder Gehäuse kann die Reaktionszeit bei Maschinenausfällen erheblich verkürzen. Die Investition in eigene Geräte rechnet sich allerdings erst ab einer gewissen Nutzungsintensität. Wer seltener druckt, fährt mit einem externen Dienstleister oft günstiger.

Die Softwareseite ist dabei oft unterschätzt: Ein MES-System wie das von 3YOURMIND, das Teile identifiziert, priorisiert und den Fertigungsauftrag steuert, ist der Schlüssel zur effizienten Nutzung mehrerer Drucker. Ohne diese Schicht bleibt das Potenzial der Geräte ungenutzt.

Einen guten Überblick über die Möglichkeiten des Metall-3D-Drucks in anspruchsvollen Anwendungen bietet auch der Artikel Metall-3D-Druck von AddUp: Was der Blog des Herstellers über PBF, Implantate und Sicherheit verrät auf 3ddrucklife.de.




Persönliches Fazit

Was die Marines hier tun, ist im Grunde nichts anderes als das, was wir in der Industrie seit Jahren propagieren: Fertigung dorthin bringen, wo sie gebraucht wird, statt Teile durch lange Lieferketten zu schleusen. Dass das Militär jetzt mit einem derart breiten Technologie-Mix antritt, zeigt, dass das Thema reif ist. WAAM, SLS, CFF und FFF in einem Container, das ist kein Prototyp mehr, das ist ein ernsthafter Systemansatz.

Beeindruckend finde ich die Konsequenz, mit der hier verschiedene Verfahren kombiniert werden. Kein einzelnes Verfahren kann alles: Metall braucht andere Prozesse als Kunststoff, große Teile andere als kleine, strukturelle Teile andere als Funktionsprototypen. Wer das versteht und entsprechend plant, bekommt echten Mehrwert.

Was mich skeptisch stimmt: Die Qualitätssicherung im Feld ist eine offene Flanke. Ein gedrucktes Ersatzteil, das unter Last versagt, kann im zivilen Bereich teuer werden, im militärischen Einsatz kann es Leben kosten. Hier braucht es klare Protokolle, und die lassen sich nicht einfach aus der Industriepraxis übertragen.

Für mittelständische Unternehmen ist die Botschaft dennoch eindeutig: Wenn das Militär unter härtesten Bedingungen auf additive Fertigung setzt, dann ist die Technologie für kontrollierte Industrieumgebungen längst praxistauglich. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie und für welche Teile.

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