Mikroporosität und Rissbildung in Metalldruckteilen, 3D-Druck in der Werkstoffforschung
- Sascha Surbanoski

- 5. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Inhaltsverzeichnis
Das Bauteil und der Anwendungsfall
Die Werkstoffforschung rund um den Metall-3D-Druck hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht, doch ein Problem begleitet die Technologie seit ihren Anfängen: Mikroporosität. Gemeint sind winzige Hohlräume im Inneren eines gedruckten Metallbauteils, die beim Schmelz- und Erstarrungsprozess entstehen. Diese Poren sind oft kleiner als 100 Mikrometer und mit bloßem Auge nicht sichtbar, können aber unter mechanischer Belastung als Ausgangspunkte für Risse wirken.
Forscher haben nun mithilfe von Röntgentomographie (einem bildgebenden Verfahren, das dreidimensionale Innenansichten eines Bauteils ohne Zerstörung liefert) systematisch untersucht, wie genau diese Mikroporen Risse initiieren und ausbreiten. Die Untersuchungen konzentrierten sich auf Probekörper aus metallischen Werkstoffen, die im Pulverbettverfahren hergestellt wurden. Ziel war es, den Zusammenhang zwischen Porengeometrie, Porenverteilung und dem Versagensmechanismus unter Last quantitativ zu beschreiben.
Warum ist Mikroporosität ein Problem?
Metallische 3D-Druckteile werden zunehmend in sicherheitsrelevanten Bereichen eingesetzt: Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik, Automobilbau. In diesen Branchen reicht es nicht, dass ein Bauteil die gewünschte Form hat. Es muss auch unter zyklischer Belastung (Ermüdung), Stoßbelastung und Temperaturwechseln zuverlässig funktionieren. Genau hier wird Mikroporosität zum kritischen Faktor.
Konventionell gefertigte Metallteile, etwa durch Schmieden oder Gießen mit anschließender Wärmebehandlung, weisen in der Regel eine deutlich geringere innere Porosität auf. Beim Metall-3D-Druck hingegen entsteht das Bauteil schichtweise durch wiederholtes Aufschmelzen von Metallpulver. Dabei können Schmelzbadinstabilitäten, Gaseinschlüsse oder unvollständige Verschmelzung zwischen den Schichten zu Poren führen. Bisherige Qualitätssicherungsmaßnahmen wie Computertomographie oder zerstörende Prüfung konnten Poren zwar detektieren, aber die genaue Wirkungsweise auf das Versagensverhalten blieb schwer vorherzusagen.
Die neue Röntgenstudie setzt genau hier an: Sie liefert erstmals eine direkte, in-situ-Beobachtung (also während der Belastung, nicht erst danach) des Risswachstums ausgehend von einzelnen Poren. Das ist methodisch ein wesentlicher Schritt, weil post-mortem-Analysen oft nicht eindeutig klären können, welche Pore tatsächlich den Riss ausgelöst hat.
Verfahren und Untersuchungsmethode im Detail
Die untersuchten Probekörper wurden im SLS-ähnlichen Pulverbettverfahren (Selective Laser Melting, SLM, bei dem Metallpulver durch einen Laserstrahl vollständig aufgeschmolzen wird) hergestellt. Als Werkstoff kamen typische Legierungen zum Einsatz, wie sie in der Luft- und Raumfahrt sowie im Maschinenbau verbreitet sind. Die genaue Legierungszusammensetzung variiert je nach Studie, Titan- und Nickelbasislegierungen stehen dabei besonders im Fokus der Forschung.
Für die Bildgebung wurde Synchrotron-Röntgentomographie eingesetzt, eine Methode mit besonders hoher Auflösung und kurzen Aufnahmezeiten. Das erlaubt es, Proben unter mechanischer Last zu scannen und das Risswachstum in Echtzeit zu verfolgen. Laut dem Bericht von Voxel Matters zeigte sich dabei, dass nicht die Gesamtporosität allein entscheidend ist, sondern vor allem die Geometrie einzelner Poren: Längliche, spitz zulaufende Poren wirken als deutlich stärkere Risskeime als runde, isolierte Hohlräume. Auch die räumliche Nähe mehrerer Poren zueinander erhöht das Risiko einer Risskoaleszenz (dem Zusammenwachsen mehrerer Risse zu einem größeren Bruch) erheblich.
Was wurde konkret verbessert?
Die Studie liefert keine neue Fertigungstechnologie, sondern Erkenntnisse, die mittelbar zu besseren Prozessparametern und verlässlicheren Qualitätskriterien führen können. Konkret bedeutet das: Wer die Geometrie kritischer Poren kennt, kann Grenzwerte für die Qualitätssicherung präziser definieren. Bisher galt oft ein pauschaler Porositätswert (etwa unter 0,5 Prozent Gesamtporosität) als Akzeptanzkriterium. Die neuen Daten legen nahe, dass ein Bauteil mit wenigen, aber ungünstig geformten Poren gefährlicher sein kann als eines mit höherer Gesamtporosität aus runden Poren.
Für die Praxis bedeutet das eine Verschiebung in der Qualitätssicherung: weg von einfachen Porositätskennwerten, hin zu einer geometrischen Charakterisierung der Poren. Das ist technisch anspruchsvoller und erfordert hochauflösende CT-Analysen, ist aber mit moderner Messtechnik grundsätzlich umsetzbar. Eine Herausforderung bleibt die Übertragung dieser Erkenntnisse in automatisierte Prüfprozesse, die in der Serienproduktion wirtschaftlich einsetzbar sind.
Offen ist noch, wie stark die Ergebnisse von einer Legierung und einem Prozessparametersatz auf andere übertragbar sind. Jede Kombination aus Material, Laserleistung, Scanstrategie und Schutzgasatmosphäre erzeugt ein eigenes Porositätsprofil. Die Studie ist ein wichtiger Baustein, aber kein abschließendes Regelwerk.
Übertragbarkeit für den Mittelstand
Für mittelständische Unternehmen, die Metall-3D-Druckteile entweder selbst fertigen oder zukaufen, ergeben sich aus dieser Forschung konkrete Handlungshinweise. Erstens sollte bei sicherheitsrelevanten Bauteilen die Qualitätssicherung nicht allein auf Gesamtporositätswerte abstellen. Eine geometrische Auswertung der CT-Daten ist aufwändiger, aber aussagekräftiger. Zweitens lohnt es sich, beim Dienstleister oder Maschinenhersteller gezielt nach Prozessparametern zu fragen, die auf minimale Porenelongation (Längsstreckung von Poren) optimiert sind, nicht nur auf minimale Gesamtporosität.
Drittens zeigt die Studie, dass die Kombination aus Prozessoptimierung und Nachbehandlung (etwa heißisostatisches Pressen, kurz HIP, das Poren unter hohem Druck und Temperatur schließt) nach wie vor der sicherste Weg zu hochbelastbaren Metallteilen ist. HIP ist kostenintensiv, aber für Bauteile in der Luft- und Raumfahrt oder Medizintechnik oft unverzichtbar. Wer auf HIP verzichten will, muss die Prozessparameter entsprechend strenger kontrollieren.
Für Unternehmen, die den Einstieg in den Metall-3D-Druck planen oder bestehende Prozesse absichern wollen, bietet 3ddrucklife.de Unterstützung bei der Auswahl geeigneter Metall-3D-Druckverfahren und der Einschätzung von Qualitätsanforderungen.
Persönliches Fazit
Diese Studie ist kein Aufreger, aber sie ist wichtig. Wer im industriellen Umfeld Metallteile additiv fertigt, weiß, dass Porosität ein Dauerthema ist. Was bisher fehlte, war ein klares Bild davon, welche Poren wirklich gefährlich sind und welche toleriert werden können. Die Antwort lautet: Geometrie und Nachbarschaft entscheiden, nicht allein die Menge.
Aus meiner Erfahrung als Dienstleister erlebe ich regelmäßig, dass Kunden Porositätswerte aus Datenblättern übernehmen, ohne zu hinterfragen, was diese Werte im konkreten Lastfall bedeuten. Diese Studie liefert das Handwerkszeug, um solche Gespräche fundierter zu führen.
Was mich etwas nachdenklich stimmt: Die Methode (Synchrotron-Röntgen unter Last) ist in der Forschung exzellent, aber in der industriellen Praxis kaum direkt einsetzbar. Der Transfer in praxistaugliche Prüfnormen und automatisierte CT-Auswertesoftware wird noch Zeit brauchen. Bis dahin bleibt HIP für hochkritische Anwendungen die verlässlichste Absicherung.
Insgesamt sehe ich die Studie als Beleg dafür, dass der Metall-3D-Druck wissenschaftlich reift. Die Technologie ist längst kein Prototypenwerkzeug mehr, aber die Qualitätssicherung muss mit dem Anspruch der Anwendungen Schritt halten. Das ist eine Aufgabe für Forschung, Normierung und Praxis gemeinsam.




