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Vollständig gedrucktes Buch in einem einzigen Druckvorgang, 3D-Druck in der Medienproduktion

  • Autorenbild: Sascha Surbanoski
    Sascha Surbanoski
  • vor 4 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit
Vollständig 3D-gedrucktes Buch mit flexiblen Seiten und hartem Einband, hergestellt in einem einzigen Druckvorgang mit Multi-Material-Verfahren
Quelle: VoxelMatters

Ein vollständiges Buch, inklusive Einband, Seiten und lesbarem Inhalt, wurde in einem einzigen, unterbrechungsfreien 3D-Druckvorgang gefertigt. Das klingt zunächst wie ein Experiment ohne praktischen Nutzen, zeigt aber, wie weit Multi-Material-Druckverfahren inzwischen in der Lage sind, komplexe, funktionale Objekte mit unterschiedlichen Materialeigenschaften in einem Prozessschritt zu erzeugen.




Inhaltsverzeichnis




Das Bauteil und der Anwendungsfall

Das gedruckte Objekt ist ein vollständiges Buch: mit einem festen, strukturgebenden Einband, biegsamen Seiten, die sich tatsächlich umblättern lassen, und aufgedrucktem Text sowie Grafiken. Entscheidend ist, dass all diese Komponenten nicht separat gefertigt und anschließend zusammengesetzt wurden, sondern in einem einzigen, durchgehenden Druckvorgang entstanden sind. Das Buch verlässt den Drucker als fertiges Objekt, ohne Nachbearbeitung oder Montage.

Der Anwendungsfall ist zunächst demonstrativer Natur: Es geht darum zu zeigen, dass additive Fertigung nicht nur einzelne Bauteile produzieren kann, sondern auch Baugruppen mit mehreren Materialzonen und Funktionsbereichen in einem Schritt. Für die Medienproduktion im klassischen Sinne ist das heute noch kein Massenverfahren. Als Proof-of-Concept für die Fertigungstechnik ist es jedoch hochrelevant. Ähnliche Prinzipien, nämlich das gleichzeitige Drucken von Hart- und Weichkomponenten, werden bereits in der Industrie eingesetzt, etwa bei Dichtungen, Greifern oder medizinischen Hilfsmitteln. Wie weit Multi-Material-Ansätze in der Kunststoffverarbeitung bereits gereift sind, zeigt auch der Polymer AM Focus 2026 von VoxelMatters, der einen umfassenden Überblick über aktuelle Verfahren und Anwendungsfelder gibt.




Warum wurde auf 3D-Druck gesetzt?

Der Kern der Frage lautet: Warum ein Buch drucken, wenn es Druckmaschinen und Buchbindereien gibt? Die Antwort liegt nicht im Produkt selbst, sondern im Prozessnachweis. Konventionelle Buchproduktion erfordert mehrere Maschinen, Klebstoffe, Fadenheftung und manuelle oder automatisierte Montageschritte. Jede Komponente, Einband, Buchblock, Rücken, wird separat hergestellt und dann zusammengefügt.

Der 3D-Druck-Ansatz eliminiert diese Prozesskette vollständig. Das ist für ein Buch wirtschaftlich nicht sinnvoll, aber als Demonstration für andere Produkte mit ähnlicher Komplexität, also Objekte mit starren und flexiblen Zonen, mit Gelenken, Scharnieren oder integrierten Funktionsbereichen, ist der Nachweis wertvoll. Wer zeigen kann, dass ein Buch in einem Druckvorgang entsteht, hat auch gezeigt, dass Gehäuse mit integrierten Dichtlippen, Werkzeuge mit Griffzonen oder Medizinprodukte mit weichen und harten Bereichen in einem Schritt herstellbar sind. Wie VoxelMatters berichtet, ist genau dieser Prozessgedanke der eigentliche Treiber hinter dem Projekt.




Verfahren und Material im Detail

Für diesen Anwendungsfall kommt ein Multi-Material-Jetting-Verfahren zum Einsatz, konkret ein Ansatz, der dem PolyJet-Verfahren (Stratasys-Begriff für das gleichzeitige Auftragen mehrerer Photopolymere über Druckköpfe, ähnlich einem Tintenstrahldrucker, mit anschließender UV-Aushärtung) nahesteht. Dieses Verfahren erlaubt es, in einem einzigen Baujob unterschiedliche Materialien nebeneinander und übereinander aufzutragen, also gleichzeitig steife und flexible Polymere zu verarbeiten.

Der Einband des Buches besteht aus einem harten, strukturgebenden Photopolymer, während die Seiten aus einem deutlich weicheren, biegsamen Material gefertigt sind. Der Text und die Grafiken werden durch Materialwechsel oder Farbgebung direkt in die Seiten integriert. Das Stützmaterial, das beim PolyJet-Druck für Überhänge benötigt wird, lässt sich nach dem Druck auswaschen. Das Ergebnis ist ein Objekt, das ohne jede Nachbearbeitung funktionsfähig ist. Für Prototypen mit mehreren Materialzonen ist dieses Verfahren besonders interessant, weil es Iterationszyklen drastisch verkürzt.




Was wurde konkret verbessert?

Der direkte Vergleich zur konventionellen Buchproduktion ist für die Praxis wenig aussagekräftig, da niemand Bücher in Stückzahl per 3D-Druck herstellen wird. Relevant ist der Prozessgewinn auf der Ebene der Fertigungslogik: Ein Objekt, das bisher mehrere Produktionsschritte, Maschinen und Montagevorgänge benötigte, entsteht nun in einem einzigen Vorgang. Das reduziert Fehlerquellen an Schnittstellen, eliminiert Klebeprozesse und macht das Ergebnis reproduzierbar.

Für Prototypen und Kleinserien von Produkten mit ähnlicher Komplexität, also Objekte mit integrierten Gelenken, Dichtungen oder Griffzonen, bedeutet das konkret: kürzere Durchlaufzeiten, weniger Montagefehler und die Möglichkeit, Geometrien zu realisieren, die sich konventionell nicht oder nur mit hohem Aufwand herstellen lassen. Die Herausforderung bleibt die Materialauswahl: Photopolymere aus dem PolyJet-Prozess sind nicht für alle Industrieanwendungen geeignet, insbesondere wenn hohe Temperaturen, UV-Beständigkeit oder mechanische Dauerfestigkeit gefordert sind.




Übertragbarkeit für den Mittelstand

Für einen Mittelständler, der Produkte mit mehreren Materialzonen entwickelt oder produziert, ist der eigentliche Erkenntnisgewinn aus diesem Projekt folgender: Multi-Material-Druck ist heute kein Nischenthema mehr. Wer Bauteile mit integrierten Dichtungen, weichen Griffbereichen oder flexiblen Gelenken benötigt, kann diese als Prototyp oder Kleinserie in einem einzigen Druckvorgang herstellen lassen, ohne Montage, ohne Klebstoff, ohne separate Zulieferkette.

Die Investition in eine eigene PolyJet-Anlage ist für die meisten Mittelständler nicht wirtschaftlich, da die Geräte im sechsstelligen Bereich liegen und spezialisiertes Bedienwissen erfordern. Der sinnvollere Weg ist die Zusammenarbeit mit einem spezialisierten Dienstleister. Wichtig ist dabei, die Anforderungen an das Endmaterial frühzeitig zu klären: Photopolymere aus dem PolyJet-Prozess sind für funktionale Prototypen gut geeignet, für Serienteile unter Dauerbelastung aber oft nicht die erste Wahl. Wer hingegen Vorrichtungen oder Hilfsmittel mit weichen Kontaktzonen sucht, findet hier einen direkten Mehrwert, wie auch das Beispiel aus der Sicherheitstechnik zeigt, wo additive Fertigung zunehmend für funktionale Bauteile eingesetzt wird.




Persönliches Fazit

Ein 3D-gedrucktes Buch ist auf den ersten Blick ein Kuriosum. Auf den zweiten Blick ist es ein präziser Nachweis dafür, was Multi-Material-Druck heute leisten kann: unterschiedliche Materialzonen, integrierte Funktionsbereiche, keine Montage, ein Prozessschritt. Das ist für die Medienproduktion irrelevant, für die Entwicklung komplexer Bauteile aber hochinteressant.

In meiner täglichen Arbeit sehe ich immer wieder Projekte, bei denen Kunden Bauteile mit Hart-Weich-Kombinationen suchen und zunächst gar nicht wissen, dass das additiv in einem Schritt lösbar ist. Genau solche Demonstrationen helfen, dieses Bewusstsein zu schärfen. Der Hype-Faktor ist hier gering, der technische Substanzgehalt dagegen hoch. Wer Multi-Material-Druck bisher als Spielerei abgetan hat, sollte diesen Use-Case als Argument in der nächsten Entwicklungsbesprechung nutzen. Die Technologie ist reif, die Frage ist nur, ob das Bauteil die richtigen Anforderungen mitbringt.

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