SolidCraft im überblick

SolidCraft ist ein parametrisches 3D CAD Programm, das in der Programmiersprache Rust geschrieben wurde und kostenlos zur Verfügung steht. Optik und Tastaturkürzel folgen Autodesk Fusion 360 sehr eng. Das Projekt richtet sich an Maker und Konstrukteure, die Teile für den 3D Druck entwerfen und dafür keine Abo Software bezahlen wollen. Es ist noch jung: Die Entwickler nennen es selbst ein frühes Projekt.
Inhaltsverzeichnis
Das Wichtigste im Überblick
Parametrisches CAD mit Skizzen, Bemaßungen, Feature Tree und editierbarer Zeitleiste
Lizenz: MIT und Apache 2.0, kostenlos nutzbar
Plattformen: Windows, macOS und Linux als Desktop App, außerdem im Webbrowser
Zusätzlich Kommandozeile (CLI) und MCP Server zur Steuerung durch KI Agenten
Export als STL, 3MF und OBJ sowie direkte Übergabe an Bambu Studio, OrcaSlicer, PrusaSlicer und AnycubicSlicerNext
Noch nicht digital signiert und rund 800 offene Issues auf GitHub
Es fehlen CAM, technische Zeichnungen, Rendering, Simulation und Freiformflächen
Konzept und Lizenz
SolidCraft positioniert sich als kostenlose und quelloffene Alternative zu Fusion 360. Modelliert wird klassisch parametrisch: Eine Skizze bekommt Maße und Abhängigkeiten, daraus entstehen Körper und jeder Schritt landet in einer Zeitleiste. Wer Fusion 360 kennt, findet die Struktur sofort wieder.
Der Quellcode steht unter den Lizenzen MIT und Apache 2.0. Beide erlauben die Nutzung auch im gewerblichen Umfeld. Für Firmen ist das ein Unterschied zur kostenlosen Fusion Variante, die auf persönliche Projekte beschränkt ist.
Schon Version 0.14 konnte Dateien aus FreeCAD und Rhino importieren. Das zeigt die Richtung: Das Programm soll sich in bestehende Arbeitsabläufe einfügen und nicht nur eine Insel sein.
Installation und Sicherheitshinweise
Die Desktop Dateien sind aktuell nicht kryptografisch signiert. Unter Windows meldet sich deshalb der SmartScreen Filter, bevor das Programm startet. Unter macOS muss die App beim ersten Aufruf per Rechtsklick und Kontextmenü geöffnet werden.
Das ist dem frühen Entwicklungsstand geschuldet. In der Praxis bedeutet es: Wer die Software im Unternehmen einsetzen will, braucht die Freigabe der IT. Ohne Signatur ist das in vielen Firmennetzen schwierig. Die Browser Version umgeht das Problem.
Oberfläche und erste Körper
Die Benutzeroberfläche startet nahezu ohne Verzögerung und gleicht der von Fusion 360 bis ins Detail. Kurzbefehle wie L für Linie, D für Bemaßung und E für Extrude sind übernommen. Wer täglich in Fusion arbeitet, muss kaum umlernen.
Der Ablauf für ein einfaches Bauteil ist vertraut. Über „Create Sketch“ wird eine Ebene gewählt und ein Rechteck gezeichnet. Mit „Finish Sketch“ ist die Skizze abgeschlossen. Danach öffnet E die Extrusion, in die Maße wie 10 oder 20 Millimeter eingegeben werden. Kanten lassen sich anschließend mit dem Fillet Werkzeug abrunden.
Modellierwerkzeuge und parametrische Zeitleiste
In den Menüs Create und Modify stehen die Kernwerkzeuge bereit: Extrude, Revolve, Sweep, Loft, Cylinder, Patterns, Shell, Chamfer sowie Move und Copy. Das deckt den Alltag bei Gehäusen, Halterungen und Adaptern ab.
Als Beispiel dient ein Lampenschirm. Dafür wird eine Kontur gezeichnet und per Revolve um eine Achse gedreht. Die Zeitleiste erlaubt es, frühere Schritte nachträglich zu ändern. Die nachfolgende Geometrie passt sich dann automatisch an. Genau das ist der Kern parametrischer Konstruktion (Maße als veränderbare Parameter statt fester Geometrie).
Export und Übergabe an Slicer
Über „Save as Mesh“ lassen sich Bauteile als STL, 3MF oder OBJ speichern. Zusätzlich gibt es eine direkte Übergabe an Slicer wie Bambu Studio, OrcaSlicer, PrusaSlicer oder AnycubicSlicerNext. Das spart den Umweg über das Dateisystem.
Der konstruierte Lampenschirm wurde ohne Fehler in den OrcaSlicer geladen. Für den FDM Alltag ist das der wichtigste Prüfpunkt: Ein CAD Programm taugt für den 3D Druck nur, wenn das Mesh sauber im Slicer ankommt.
Browser Version und Offline Nutzung
Unter solidcraft.io/app läuft das Programm direkt im Webbrowser. Wird der Persistent Storage freigegeben (ein dauerhafter lokaler Speicher des Browsers) legt der Browser App und Designdaten lokal ab. Das Programm startet dadurch schnell und reagiert flüssig.
Nach dem einmaligen Laden funktioniert es auch ohne Internetverbindung. Für Schulen, Werkstätten oder Rechner mit eingeschränktem Netzzugang ist das praktisch. Die Daten bleiben dabei im Browser des jeweiligen Geräts, eine Cloud Ablage ist nicht nötig.
KI Steuerung per MCP
SolidCraft bringt einen MCP Server mit. Das Model Context Protocol ist eine Schnittstelle, über die KI Programme Werkzeuge ansteuern können. Die Desktop Version von Claude lässt sich so direkt an SolidCraft anbinden.
In einer Demonstration bekam die KI die Textanweisung, einen parametrischen Düsenhalter für sechs M6 Düsen mit definierten Abständen und Bohrungstiefen zu konstruieren. Claude legte Parameter an und baute den Körper auf. Danach verrundete die KI die Kanten. Auf Anweisung wurde das Modell innerhalb von Sekunden auf acht Bohrungen geändert.
Das funktioniert, weil das Modell über Parameter aufgebaut ist. Eine Änderung der Anzahl läuft dann durch die gesamte Zeitleiste. Für wiederkehrende Teile mit Varianten ist das ein sinnvoller Ansatz. Ob die Ergebnisse bei komplexeren Bauteilen genauso zuverlässig sind, zeigt die Demonstration nicht.
Entwicklungstempo mit KI Agenten
Das gesamte Projekt entstand in elf Tagen. Zwischen dem ersten Commit und Version 0.15.0 wurden rund 1.520 Commits verzeichnet. Dazu kommen über 30 Releases und mehr als 5.200 GitHub Sterne.
Ein Großteil des Codes stammt von KI Agenten mit Claude. Das Projekt hat sogar eine eigene Steuerungsdatei (CLAUDE.md) mit Richtlinien für diese Agenten. Das erklärt das Tempo, wirft aber Fragen auf: Code, den kaum ein Mensch vollständig gelesen hat, ist schwer zu prüfen. Für ein CAD Werkzeug mit Maßgenauigkeit ist das ein Punkt, den man bei kritischen Teilen im Blick behalten sollte.
Lücken und Roadmap
Die Entwickler beschreiben SolidCraft als frühes Projekt, das für einfache Bauteile bereits nutzbar ist. Auf GitHub sind rund 800 Issues offen. Kleinere Bugs gehören im Moment dazu.
Wichtige Bereiche fehlen noch. Das sind CAM Werkzeugwege fürs Fräsen, die Ableitung technischer Zeichnungen, physikalische Simulationen und fotorealistisches Rendering. Auch T Spline Freiformflächen sind nicht vorhanden. Wer organische Formen modelliert oder Fertigungszeichnungen liefern muss, kommt damit nicht weit.
In der Dokumentation steht ausdrücklich, dass SolidCraft in keiner geschäftlichen Beziehung zu Autodesk steht und eigenständig entwickelt wird. Die Ähnlichkeit ist also kein offizieller Ableger.
Vor und Nachteile
Vorteile:
Kostenlos und quelloffen unter MIT und Apache 2.0
Bedienung und Kürzel wie bei Fusion 360
Sehr kurze Ladezeiten
Läuft auf Windows, macOS, Linux und im Browser, auch offline
Direkte Übergabe an gängige Slicer und Export als STL, 3MF und OBJ
CLI und MCP Server für Automatisierung
Nachteile:
Binärdateien noch nicht signiert
Rund 800 offene Issues und kleinere Bugs
Kein CAM, keine Zeichnungsableitung, kein Rendering und keine Simulation
Keine Freiformflächen mit T Splines
Stark KI geschriebener Code mit sehr jungem Reifegrad
Preis und Verfügbarkeit
SolidCraft kostet nichts. Die Desktop Versionen für Windows, macOS und Linux stehen zum Download bereit und die Browser Version läuft unter solidcraft.io/app. Zum Vergleich: Die kostenpflichtige Fusion Variante beginnt laut Autodesk bei 85 US Dollar im Monat oder 680 US Dollar im Jahr.
Vergleichbare Produkte
Drei Programme bieten sich als Gegenstück an:
Autodesk Fusion: Das Vorbild hat ein ähnliches Bedienkonzept und deutlich mehr Funktionen. Es ist aber nicht quelloffen und die kostenlose Personal Use Variante ist auf private, nicht kommerzielle Projekte beschränkt.
FreeCAD: Der parametrische Modeler steht unter LGPL2+ und ist ebenfalls kostenlos. Die Oberfläche ist eigenständig und nicht an Fusion 360 angelehnt, dafür ist das Projekt deutlich reifer.
Onshape: Parametrisches CAD, das nur im Browser läuft. Die kostenlose Stufe macht alle Dokumente öffentlich und der Standard Plan kostet laut Anbieter 1.500 US Dollar pro Nutzer und Jahr.
Persönliches Fazit
Aus meiner Sicht ist SolidCraft ein interessanter Versuch, der für einfache Druckteile wie Halter, Adapter und Gehäuse schon taugt. Die Fusion Nähe senkt die Einstiegshürde stark und die Slicer Übergabe funktioniert in der Beschreibung ohne Umwege. Für den Betrieb in einem Unternehmen sehe ich das Programm noch nicht: Es gibt keine Signatur und keine Zeichnungsableitung. Dazu kommen hunderte offene Issues und ein Code, der zu großen Teilen von KI stammt. Bei Aufträgen aus dem Mittelstand zählt am Ende Verlässlichkeit bei Maßen und Dokumentation und die muss ein junges Projekt erst belegen. Ich würde es als kostenlose Ergänzung beobachten und für kritische Bauteile bei etablierter Software bleiben.





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