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Vier 3D gedruckte semi kryogene Triebwerke im Clustertest, 3D-Druck in der Raumfahrt

  • Autorenbild: Sascha Surbanoski
    Sascha Surbanoski
  • 22. Mai
  • 4 Min. Lesezeit
Cluster aus vier 3D-gedruckten semi-kryogenen Raketentriebwerken von Agnikul Cosmos beim Brenntest
Quelle: Voxel Matters / Agnikul Cosmos

Agnikul Cosmos, ein indisches Raumfahrt-Start-up mit Sitz in Chennai, hat einen Meilenstein in der additiven Fertigung von Antriebssystemen erreicht: Erstmals wurden vier 3D-gedruckte semi-kryogene Triebwerke gleichzeitig gezündet und erfolgreich im Cluster-Betrieb getestet. Das Vorhaben zeigt, dass additiv gefertigte Raketentriebwerke nicht nur als Einzelkomponente, sondern auch im koordinierten Verbund funktionieren.




Inhaltsverzeichnis




Das Bauteil und der Anwendungsfall

Im Mittelpunkt steht das Triebwerk „Agnilet", das Agnikul Cosmos als vollständig einstückig gedrucktes Raketentriebwerk entwickelt hat. Es handelt sich um ein semi-kryogenes Triebwerk, das flüssigen Sauerstoff (LOX) als Oxidationsmittel und Kerosin als Treibstoff verwendet. „Semi-kryogen" bedeutet dabei, dass nur einer der beiden Treibstoffe bei sehr niedrigen Temperaturen gelagert werden muss, was den Betrieb gegenüber vollständig kryogenen Systemen vereinfacht.

Der jüngste Test umfasste vier dieser Triebwerke, die als Cluster zusammengeschaltet und gleichzeitig gezündet wurden. Ziel ist der Einsatz in der Trägerrakete „Agnibaan", die kleine Nutzlasten in den Orbit befördern soll. Die Fähigkeit, mehrere Triebwerke synchron zu betreiben, ist eine Grundvoraussetzung für den Flugbetrieb und war bislang noch nicht im Cluster-Maßstab demonstriert worden.




Warum hat das Unternehmen auf 3D-Druck gesetzt?

Konventionelle Raketentriebwerke bestehen aus Dutzenden bis Hunderten von Einzelteilen, die gefräst, gegossen und aufwendig zusammengefügt werden müssen. Jede Fügestelle ist eine potenzielle Schwachstelle, jede Fertigungsstufe verlängert die Durchlaufzeit und erhöht die Kosten. Agnikul Cosmos hat diesen Ansatz von Grund auf verworfen und das Agnilet-Triebwerk als monolithisches Bauteil konzipiert, das in einem einzigen Druckvorgang entsteht.

Der wirtschaftliche Hintergrund ist klar: Für ein Start-up im hart umkämpften Markt für kleine Trägerraketen (sogenannte „Small Launch Vehicles") ist die Fähigkeit, Triebwerke schnell, günstig und reproduzierbar herzustellen, ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Lange Lieferketten für Spezialteile oder teure Werkzeuge für Gussformen entfallen.





Verfahren und Material im Detail

Agnikul Cosmos setzt auf Metall-3D-Druck, konkret auf ein Pulverbettverfahren (Powder Bed Fusion), um das Agnilet-Triebwerk herzustellen. Das Unternehmen betreibt dafür eine eigene Fertigungsanlage, die sogenannte „Agnikul Factory", in der die Druckprozesse vollständig intern kontrolliert werden. Welche Metalllegierung genau verwendet wird, hat das Unternehmen nicht öffentlich kommuniziert; für Raketentriebwerke kommen typischerweise Nickel-Superlegierungen oder Edelstahllegierungen zum Einsatz, die hohen Temperaturen und Drücken standhalten.

Das Besondere am Metall-3D-Druck für diesen Anwendungsfall ist die Möglichkeit, komplexe Kühlkanäle, Einspritzdüsen und Brennkammergeometrien in einem einzigen Bauteil zu vereinen, ohne Schweißnähte oder Schraubverbindungen. Gerade bei Triebwerken, die extremen thermischen und mechanischen Belastungen ausgesetzt sind, reduziert jede eingesparte Fügestelle das Versagensrisiko erheblich.




Was wurde konkret verbessert?

Der Cluster-Test mit vier Triebwerken ist vor allem ein Nachweis der Reproduzierbarkeit: Alle vier Exemplare müssen innerhalb enger Toleranzen identische Leistungsparameter aufweisen, damit der Schub gleichmäßig verteilt wird und die Rakete stabil fliegt. Dass dieser Test erfolgreich verlief, belegt, dass der additive Fertigungsprozess bei Agnikul Cosmos eine ausreichend hohe Prozessstabilität erreicht hat.

Konkrete Zahlen zu Kosteneinsparungen oder Durchlaufzeiten hat das Unternehmen nicht veröffentlicht. In der Branche gilt jedoch als Richtwert, dass additiv gefertigte Triebwerkskomponenten die Teilezahl um bis zu 90 Prozent reduzieren können, was direkt auf Montagezeit und Fehlerquellen einzahlt. Herausfordernd bleibt die Qualitätssicherung: Jedes gedruckte Triebwerk muss umfangreiche Prüfverfahren durchlaufen, bevor es für den Flugbetrieb freigegeben wird. Dieser Aufwand ist bei monolithischen Bauteilen zwar geringer als bei zusammengesetzten Systemen, aber keineswegs trivial.




Übertragbarkeit für den Mittelstand

Der Fall Agnikul Cosmos ist in seiner Radikalität kaum direkt auf einen typischen Mittelständler übertragbar, weil er ein vollständig neu entwickeltes Produkt beschreibt, das ohne 3D-Druck in dieser Form nicht existieren würde. Dennoch steckt darin eine Kernbotschaft, die für viele Branchen relevant ist: Wenn ein Bauteil aus vielen gefügten Einzelteilen besteht, lohnt es sich zu prüfen, ob eine Konsolidierung durch additive Fertigung möglich ist.

Für Unternehmen, die Pumpengehäuse, Wärmetauscher, Ventilblöcke oder ähnliche funktionskritische Bauteile herstellen, ist die Frage nach der Teilereduktion durch Prototypen aus dem Metall-3D-Druck ein sinnvoller erster Schritt. Die Investition in eigene Druckanlagen rechnet sich erst ab einer gewissen Stückzahl und Bauteilkomplexität. Für kleinere Serien oder Entwicklungsphasen ist die Zusammenarbeit mit einem spezialisierten Dienstleister der wirtschaftlichere Weg. Wer die Kosten für ein konkretes Bauteil einschätzen möchte, kann das mit dem Preisrechner auf 3ddrucklife.de tun.

Ein weiterer Aspekt, den der Agnikul-Fall illustriert: Wer den Fertigungsprozess intern kontrolliert, hat kürzere Iterationszyklen. Das gilt für ein Raumfahrt-Start-up genauso wie für einen Maschinenbauer, der Sonderteile mit langen Lieferzeiten vom Zulieferer bezieht.




Persönliches Fazit

Was Agnikul Cosmos hier demonstriert, ist kein Experiment mehr, sondern ein ernsthafter Industrietest unter realen Bedingungen. Vier Triebwerke, gleichzeitig gezündet, alle additiv gefertigt, alle funktionsfähig. Das ist bemerkenswert, weil es zeigt, dass Metall-3D-Druck inzwischen eine Prozessstabilität erreicht hat, die für sicherheitskritische Anwendungen ausreicht.

Mich beeindruckt vor allem der Ansatz, die gesamte Fertigungskette intern zu halten. Das ist mutig und kostspielig, zahlt sich aber in der Entwicklungsgeschwindigkeit aus. Wer jeden Druckjob selbst kontrolliert, kann schneller iterieren als jeder, der auf externe Zulieferer wartet.

Für die breitere 3D-Druck-Industrie ist dieser Fall ein weiteres Argument gegen die Skepsis, additive Fertigung sei nur für Prototypen geeignet. Raketentriebwerke gehören zu den anspruchsvollsten Bauteilen überhaupt. Wenn sie gedruckt werden können und funktionieren, fällt das Argument für viele andere Anwendungen weg.

Gleichzeitig sollte man nüchtern bleiben: Der Weg vom erfolgreichen Brenntest zum serienreifen Trägerraketen-Betrieb ist lang. Agnikul Cosmos hat einen wichtigen Schritt gemacht, aber noch viele vor sich. Das mindert den technischen Wert dieses Tests nicht, ordnet ihn aber realistisch ein.

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