Geodätische Gitterstrukturen für UAV-Rümpfe, 3D-Druck in der Luft- und Raumfahrt
- Sascha Surbanoski

- 2. Juni
- 4 Min. Lesezeit

Airbus Defence und die Luft- und Raumfahrtbranche stehen beim Bau von Langzeit-UAVs (unbemannte Luftfahrzeuge, englisch: Unmanned Aerial Vehicles) vor einer grundlegenden Herausforderung: Der Rumpf muss extremen Belastungen standhalten, dabei aber so leicht wie möglich sein. Additiv gefertigte geodätische Gitterstrukturen aus Aluminium- und Titanlegierungen bieten hier einen Ansatz, der mit klassischen Zerspanungs- oder Gussverfahren kaum realisierbar wäre. Das Verfahren der Wahl ist SLM (Selective Laser Melting, selektives Laserschmelzen von Metallpulver im Pulverbett).
Inhaltsverzeichnis
Das Bauteil und der Anwendungsfall
Geodätische Gitterstrukturen (englisch: geodetic lattice structures) sind dreidimensionale Netzwerke aus miteinander verwobenen Stegen, die Lasten über mehrere Pfade gleichzeitig ableiten. Im UAV-Rumpfbau ersetzen sie klassische Spanten-Stringer-Konstruktionen aus gefrästen Aluminiumprofilen oder Kohlefaser-Laminaten. Das Ergebnis ist ein Bauteil, das bei gleicher oder höherer Steifigkeit deutlich weniger Masse aufweist.
Im Kontext von Langzeit-UAVs, also Plattformen mit Flugdauern von 24 Stunden und mehr, ist jedes eingesparte Gramm direkt in zusätzliche Nutzlast oder Treibstoff umrechenbar. Die Strukturen werden als vollständige Rumpfsegmente oder als tragende Innenskelette gefertigt, mit Wandstärken im Bereich von 0,5 bis 2 Millimetern und Gesamtabmessungen von mehreren hundert Millimetern. Ähnliche Ansätze für tragende Drohnenstrukturen beschreibt auch der Artikel zu Treibstofftanks und Strukturrahmen für Kampfdrohnen auf 3ddrucklife.de.
Warum hat das Unternehmen auf 3D-Druck gesetzt?
Der entscheidende Auslöser liegt in der Geometriefreiheit: Eine geodätische Gitterstruktur lässt sich mit einem Fräser nicht sinnvoll herstellen, weil die innenliegenden Stege und Knotenpunkte für kein Werkzeug erreichbar sind. Guss scheidet aus, weil die Wandstärken zu gering und die Hinterschneidungen zu komplex sind. Der additive Aufbau Schicht für Schicht ist das einzige Fertigungsverfahren, das diese Topologie ohne Kompromisse realisiert.
Hinzu kommt der Entwicklungsdruck: UAV-Programme wie der Airbus Zephyr oder vergleichbare Höhenplattformen durchlaufen kurze Iterationszyklen, in denen Strukturkonzepte schnell validiert werden müssen. Ein gefräster Prototyp eines Rumpfsegments benötigt Wochen; ein SLM-gefertigtes Pendant kann innerhalb weniger Tage vorliegen. Wie Aerospace Technology in seiner Berichterstattung zu additiver Fertigung im UAV-Bereich zeigt, ist die Kombination aus Designfreiheit und Durchlaufzeit der zentrale Treiber für den Technologiewechsel.
Verfahren und Material im Detail
Eingesetzt wird SLM (Selective Laser Melting), bei dem ein Hochleistungslaser Metallpulver Schicht für Schicht aufschmilzt und so ein dichtes, metallisches Bauteil aufbaut. Für Rumpfstrukturen kommen zwei Materialien zum Einsatz: AlSi10Mg (eine Aluminium-Silizium-Magnesium-Legierung, bekannt aus dem Druckguss) und Titan, meist in der Legierung Ti-6Al-4V. AlSi10Mg bietet ein sehr gutes Verhältnis aus Festigkeit und Gewicht bei moderaten Kosten; Titan wird dort eingesetzt, wo höhere Temperaturen, Korrosionsbeständigkeit oder noch bessere spezifische Festigkeit gefordert sind.
Die Gitterstrukturen werden topologieoptimiert, das heißt, ein Algorithmus berechnet vorab, wo Material benötigt wird und wo es weggelassen werden kann, ohne die strukturelle Integrität zu gefährden. Das Ergebnis sind organisch wirkende, aber mathematisch präzise Steggeometrien, die sich nur additiv fertigen lassen. Beim Metall-3D-Druck sind Nachbearbeitungsschritte wie Wärmebehandlung und Stützstrukturentfernung fester Bestandteil des Prozesses und müssen bei der Bauteilauslegung von Anfang an mitgedacht werden.
Was wurde konkret verbessert?
Gewichtseinsparungen von 30 bis 55 Prozent gegenüber konventionell gefrästen Aluminiumbauteilen gleicher Steifigkeit sind in der Fachliteratur für topologieoptimierte SLM-Strukturen dokumentiert. Für einen Langzeit-UAV mit einem Startgewicht von 50 Kilogramm kann das mehrere Kilogramm Strukturgewicht bedeuten, die direkt in Nutzlast oder Kraftstoff umgewandelt werden. Die Durchlaufzeit vom CAD-Modell zum fertigen Bauteil liegt bei komplexen Gitterstrukturen im SLM-Verfahren typischerweise bei drei bis sieben Werktagen.
Herausforderungen bleiben: Die Pulverentfernung aus engen Gitterzellen ist aufwendig und muss prozesssicher gelöst werden, sonst verbleibt loses Pulver im Bauteil. Die Qualifizierung für den Luftfahrteinsatz (Zulassung nach DO-160 oder vergleichbaren Standards) erfordert umfangreiche Prüfprogramme, die den Zeitvorteil bei der Erstentwicklung teilweise aufzehren. Zudem sind die Materialkosten für Titanpulver erheblich höher als für konventionelle Halbzeuge.
Übertragbarkeit für den Mittelstand
Geodätische Gitterstrukturen aus dem SLM-Prozess sind kein exklusives Großkonzern-Werkzeug. Für mittelständische Unternehmen im Drohnen-, Luftfahrt- oder allgemeinen Leichtbaubereich ist der Einstieg über externe Dienstleister sinnvoll, solange die eigenen Stückzahlen keine Investition in eine eigene SLM-Anlage rechtfertigen. Eine SLM-Maschine für Metallbauteile kostet im Einstiegsbereich ab 300.000 Euro aufwärts; der Betrieb erfordert Schutzgas-Infrastruktur, Pulvermanagement und qualifiziertes Personal.
Wichtiger als die Maschine ist die Designkompetenz: Topologieoptimierung und gittergerechtes Konstruieren müssen im Unternehmen oder beim Dienstleister vorhanden sein, sonst entstehen nur teure Bauteile ohne Mehrwert. Wer Rumpfsegmente, Halterungen oder tragende Strukturen für UAVs oder andere Leichtbauanwendungen entwickelt, kann über die Metall-3D-Druck-Leistungen von 3ddrucklife.de prüfen lassen, ob und wie ein konkretes Bauteil für den SLM-Prozess ausgelegt werden sollte. Der erste Schritt ist meist eine Machbarkeitsanalyse, bevor Konstruktionsaufwand in ein Bauteil fließt, das sich nicht wirtschaftlich drucken lässt.
Persönliches Fazit
Geodätische Gitterstrukturen sind für mich eines der überzeugendsten Argumente dafür, dass additiver Metallbau mehr ist als ein schnelles Prototyping-Werkzeug. Hier entsteht ein Bauteil, das in dieser Form schlicht nicht anders herstellbar ist, und das gleichzeitig messbar besser ist als die konventionelle Alternative. Das ist kein Hype, sondern Physik.
Was mich in der Praxis beschäftigt: Die Lücke zwischen dem, was konstruktiv möglich ist, und dem, was ein Unternehmen tatsächlich ausschöpft, ist noch riesig. Viele Betriebe drucken Bauteile, die genauso gut gefräst werden könnten, weil die Konstrukteure nicht für additive Verfahren ausgebildet wurden. Topologieoptimierung und Gitterdesign sind keine Raketenwissenschaft, aber sie müssen aktiv gelernt und angewendet werden.
Für den Mittelstand gilt: Wer im UAV-Bereich oder im allgemeinen Leichtbau unterwegs ist und Strukturbauteile mit komplexer Lasteinleitung entwickelt, sollte SLM mit AlSi10Mg oder Titan zumindest ernsthaft evaluieren. Die Einstiegshürde über einen Dienstleister ist überschaubar. Die Frage ist nicht ob, sondern wann dieser Ansatz in der eigenen Produktentwicklung ankommt.




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